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Demographie als Chance - “Machen Sie Ihre Nachbarn neidisch!”

Oktober 29, 2008 von admin 

Demographie konkretBürgermeisterin Wally Feiden will die Herausforderungen und Chancen des demographischen Wandels aktiv angehen und nutzen! Vertreter der Ratsfraktionen von CDU, SPD, Grüne und FDP bekräftigten ihren Willen zum gemeinsamen Handeln für die Stadt.

Großes Thema - wenig Interesse

Der Projektleiter des ‘Wegweisers Kommune’, der Bertelsmann-Stiftung, Carsten Große Starmann referierte im Bad Honnefer Rathaus zum Thema “Demographie konkret - Herausforderungen und Handlungspositionen für Bad Honnef”. Nur rund 35-40 Honnefer Bürger waren der Einladung ins Rathaus gefolgt. Bürgermeisterin Wally Feiden und einige Vertreter der Verwaltungsspitze, darunter auch Wirtschaftsförderer Adalbert Fuchs, nahmen an der Veranstaltung ebenso teil, wie politische Akteure der CDU, SPD, GRÜNE und der FDP. Auch einige engagierte Bürger und Vertreter der regionalen Presse waren anwesend. Die sonst lautstark auftretenden Befürworter von Neubaugebieten in Bad Honnef-Süd suchte man im Sitzungssaal allerdings vergebens. Vetreter des Einzelhandels und der Innenstadtgemeinschaft nutzten die Gelegenheit zur Information ebenfalls nicht. Schade, denn die kompetent vorgetragenen Informationen und konkreten Handlungsempfehlungen wurden stellenweise sogar mit Applaus quittiert. Die Anwesenden nutzten die Gelegenheit Fragen zu stellen und es entwickelte sich eine offene Diskussion.

Die Durchführung der Veranstaltung war das Ergebnis eines zurückliegenden Ratsbeschlusses, dem bereits im März 2008 ein Antrag der  “Bürgerinitiative für ein lebenswertes Bad Honnef” vorausgegangen war. Darin hatten die Mitglieder die Teilnahme an einem “Demographie-Training” der Bertelsmann-Stiftung für kommunale Entscheider gefordert. Wally Feiden gab daraufhin am 24.04. den Auftrag einer “Demographie-Begleitung” an die Verwaltung. Der Bad Honnefer Stadtrat lehnte den Antrag der Bürgerinitiave später mehrheitlich ab und empfahl stattdessen die Veranstaltung eines einmaligen öffentlichen Vortrags.

Bildung als wichtigste Investition

Carsten Große Starmann machte aus einem überaus komplexen Thema eine anschauliche und praxisnahe Darstellung. Der Trend für Bad Honnef zeigt deutlich, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Bis zum Jahr 2020 ist mit einem leichten Rückgang der Bevölkerung von 0,8% zu rechnen. Hinzu kommt die Abwanderung junger Menschen, die eine Ausbildung außerhalb Bad Honnefs machen. Erwartet werden hier 8,2%, die der Stadt den Rücken kehren. Einen Zuzug wird es nach aktuellen Erhebungen nur bei den älteren Menschen geben. Nach wie vor ist Bad Honnef ein attraktiver Altersruhesitz.  Die Ansiedlung der Fachhochschule Bad Honnef Bonn lässt kaum erwarten, dass deren Absolventen in Bad Honnef bleiben.

Bevölkerungsrückgang und die wachsende Alterung der Gesellschaft in Bad Honnef führen zu einem absehbaren Mangel an Erwerbskräften. Carsten Große Starmann betonte, dass vor allem gute Bildungsangebote zu den Schlüsselkriterien bei der Frage der Ansiedlung junger Familien gehören. Ganz oben auf der Agenda müssen darum Angebote für junge Familien, sowie Bildungsangebote und Ausbau bzw. eine Verbesserung der Schulen stehen. Bildung müsse als Investition in die Zukunft begriffen werden. Wo immer möglich müsse sie gefördert werden.

Der Trend vom Wohnen in grünen Randlagen hat sich mittlerweile umgekehrt. Der Wunsch junger Familien: Innenstadt nahes Wohnen, große Nähe zu Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Platz für die Kinder in der Innenstadt. Gleichzeitig sei sowohl die Förderung von Familien aus schwierigen sozialen Milieus, als auch die Integration von Migrantenfamilien und deren Kindern eine zentrale Maßnahme um Chancengleichheit und den sozialen Frieden zu sichern.

Herausforderungen und Handlungsfelder

Schaubild: kommunale Handlungsfelder, Quelle: Bertelsmann-Stiftung

„Innenentwicklung geht vor Außenentwicklung“

Ein klares Plädoyer also für die Innenentwicklung. Eine weitere Zersiedlung müsse vermieden werden. Dazu gehöre auch die Vermeidung neuer unüberlegter Baulandausweisungen. Jedes kurzfristige Denken koste die Stadt langfristig zu viel Geld, da die Aufrechterhaltung solcher neuen Infrastrukturen sehr kostenintensiv sei. Bei einer realistischen Einschätzung sei bereits in wenigen Jahren mit einem Leerstand solcher Immobilien zu rechen, die nicht im Innenstadtbereich lägen, sondern eine teure Zersiedlung weiter vorantrieben. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, sei die Vernachlässigung der Innenstädte ein falscher Weg. Gerade die Innenstädte, so Carsten Große Starmann, seien der Garant zum Überleben. Sein Apell an alle Beteiligten: „Seien Sie kreativ! Suchen Sie sich Hilfe und Verbündete unter allen Akteuren der Stadt.“

Wirtschaftsförderung auf kommunalpolitischer Ebene allein könne keine Arbeitsplätze schaffen. Was sie könne, sei für günstige Rahmenbedingungen zu sorgen. Auch müsse sie ihrer unterstützenden und moderierenden Rolle nachkommen und diese ausfüllen. Alle, auch die Gewerbetreibenden und Unternehmer sind gefordert Engagement und Kreativität zu entwickeln. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass gemeinsame Ziele und Interessen nicht gegeneinander, sondern nur miteinander realisiert werden können. Kooperation statt Konfrontation und Bewegung statt Stillstand.

Bevölkerungsentwicklung

Grafik: Der Bevölkerungszuwachs in Bad Honnef ist leicht rückläufig bis (noch) stabil, Quelle: Bertelmann-Stiftung

Kreativität und Gemeinsamkeit

Damit gewinnt auch das bürgerschaftliche Engagement an Bedeutung. Nur im Dialog und in der Zusammenarbeit mit den Bürgern, ließen sich die anstehenden Herausforderungen und Entwicklungen annehmen und gestalten. Den Kommunen kommt dabei die wichtige Aufgabe zu, die für diese Zusammenarbeit notwendigen und geeigneten Strukturen zu schaffen und zu stärken. „Bitte entwickeln Sie eine glaubwürdige Anerkennungskultur.“ Auch das ein Hinweis auf die Bedeutung gemeinsamer Interessen, die nur in der Anerkennung und im Respekt vor der Leistung jedes Einzelnen verwirklicht werden können.

Stichwort Seniorenpolitik: Hier sieht Carsten Große Starmann einen zunehmender Bedarf an Unterstützungsleistungen und alternativen Wohnformen (etwa Alten-WGs). Die Kommunen müssten sich auf einen stark wachsenden Bedarf einstellen und für konkrete Projekte nach geeigneten Partnern suchen. Auch und besonders alte Menschen wollten Innenstadt nah wohnen. Für eine gute Versorgung müsse gesorgt sein.

Die teilweise schwierige Situation in Bad Honnef sei auch eine große Chance:  “Druck und eine noch größere Not bewirken Kreativität.” Und besonders die forderte der Referent der Bertelsmann-Stiftung ein. “Überlegen Sie: Wer sind Ihre Verbündeten? Sprechen Sie diese direkt an und bitten Sie um Unterstützung! Führen Sie professionell moderierte Treffen durch. Wichtig ist: Am Ende muss etwas Konkretes stehen!“  Und nicht zu vergessen: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

Der Zwischenapplaus für die informative und kompetente Darstellung konnte über die schwache Teilnehmerzahl nicht hinwegtäuschen. Es bleibt abzuwarten, welche der Ideen, Vorschläge und Impulse zu lebendigem Handel führen. Und ob sich die Bedeutung des Themas und die Einsicht in die Notwendigkeit, alle zukünftigen kommunalpolitischen Entscheidungen immer unter demographischen Gesichtspunkten zu prüfen, durchsetzen. Bürgermeisterin Wally Feiden versprach immerhin, alle Akteure an einen Tisch zu holen um über konkrete Maßnahmen zu beraten. Man wolle die Chancen des demographischen wandels nutzen. - Christian Preuß und Paul Schilling

Handlungsprioritäten für Kommunen

Abb.: Handlungsprioritäten für Kommunen, Quelle: Bertelsmann-Stiftung

Linktipps:
Alle Folien des Vortrags als Pdf [ca. 7 MB]
Typ, Indikatoren und Handlungsempfehlungen der Bertelsmann-Stiftung für Bad Honnef [.zip-Datei, 516KB]
Wegweiser-Kommune der Bertelsmann-Stiftung
Demographie konkret der Bertelsmann-Stiftung
Demographie-Workshops der Bertelsmann-Stiftung
Bürgerinitiative für ein lebenswertes Bad Honnef
Verantwortung teilen – Innenstadt stärken!

Kurzinterview mit Carsten Große Starmann, Referent und Projektleiter Wegweiser-Kommune der Bertelsmann-Stiftung

FreieHONNEFER: 35-40 Zuhörer nahmen an Ihrem Vortrag teil. Wie schätzen Sie die Resonanz in Bad Honnef, im Vergleich zu anderene Kommunen gleicher Größe, ein?

Große Starmann: Aus meiner Sicht ist die Resonanz ok, zumal m.E. viele kommunalpolitisch Veantwortliche da waren. Es kommt m.E. weniger darauf an, wie viele Menschen dabei sind, sondern darauf, wer da ist und als Multiplikator wirken kann. Da hatte ich angesichts der intensiven Diskussion ein gutes Gefühl in Bad Honnef.

FreieHONNEFER: Ist Ihnen während des Vortrags und der Diskussion irgendeine Besonderheit
aufgefallen, oder haben Sie eine Ergänzung?

Große Starmann: Die Besonderheit war die sehr intensive Diskussion, an der man ablesen konnte, dass das Thema Demographischer Wandel für die Stadt Bad Honnef auch in der Einschätzung der Akteure ein sehr wichtiges ist. Darauf sollte man in der weiteren Arbeit aufsetzen und die Akteure und wichtigen “Verbündeten” intensiv einbinden.

FreieHONNEFER: Bad Honnef verfügt über ein städtisches Leitbild, welches von der Theorie leider nie in die Praxis überführt wurde. Für wie wichtig halten Sie die Funktion städtischer Leitbilder? Sind sie - gekoppelt mit konkreten Handlungsempfehlungen und Zielvorgaben - ein taugliches Werkzeug zur Bewältigung der demographischen Herausforderungen? Welche Kommunen hatten damit Erfolg?

Große Starmann: Ich persönlich halte von breit angelegten städtischen Leitbildern nicht so viel, weil hier eine Menge Energie in die Erarbeitung einer theoretischen Ausrichtung gesteckt wird. Es ist wichtig Ziele zu haben, die Richtung zu kennen, in die man sich entwickeln möchte und darauf aufsetzend Prioritäten zu setzen. Entscheidend ist für mich aber vor allem das konkrete Tun und die Ausgestaltung der Zielsetzungen in konkrete Maßnahmen und Projekte. Viele Leitbildprozesse haben umfangreiche und auch gute Papiere entstehen lassen, die in einem breiten Konsens erarbeitet wurden, die aber nur schwer mit Leben gefüllt werden konnten. Das frustriert alle Beteiligten.

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Kommentare

3 Kommentare zu “Demographie als Chance - “Machen Sie Ihre Nachbarn neidisch!””

  1. Jan Iversen am Oktober 30th, 2008 11:09

    Dickes Lob an die Freiehonnefer für diesen objektiven Bericht. Im Vergleich zum Bericht im heutigen General-Anzeigers wird der Qualitätsunterschied erst richtig deutlich! Man könnte meinen, V. Francke vom GA war auf einer anderen Veranstaltung. Der GA sollte sich auf seine journalistische Kernaufgabe besinnen und nicht ständig und aus eigenen wirtschaftlichen Interessen Lobbyarbeit für die Bebauung Honnef Süds betreiben. Anschauungsmaterial für guten Journalismus findet man bei der Freienhonnefer zu Genüge.

  2. Paul Schilling am Oktober 30th, 2008 13:35

    Lieber Herr Iversen, vielen Dank für Ihr Lob. Durch Ihre und die Rückmeldung vieler anderer Leser sehen wir uns bestärkt, die Themen aufzugreifen und kritisch zu begleiten, die den Menschen auf den Nägeln brennen. Dass man uns in Bonn genau beobachtet und unsere Entwicklung und unser Engagement aufmerksam verfolgt, bestätigt uns, dass im Web die Zukunft des Journalismus liegt. Dabei setzen wir auf Offenheit, Teilhabe und auf bürgerschaftliches Engagement als Ausdruck gelebter Demokratie.

  3. Ruth Hoppe am Oktober 31st, 2008 00:02

    Ich hatte mir schon vor vielen Jahren einen solchen Vortrag von der Bertelsmannstiftung gewünscht. Aber da war nocb der damalige Wirtschaftsförderer des Rhein-Sieg-Kreies Dr. Tengler mit seinen von der Kölner Sparkasse bezahlten Gutachtern tonangebend, die an der Bebauung von Neubaugebieten, auch Selhof Süds durch die Vergabe von Baukrediten verdienen wollte.
    Nun endlich kommen auch Fachleute zu Wort, die die Erschließung von Außenflächen ablehnen und die Innenstädte stärken wollen. Unter diesem Aspekt ist die Ansiedlung eines riesigen Vollsortimenters auf der grünen Wiese in der Nähe des Logebachtales ein Lehrbeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, wenn man der Ausfransung der Bebauung wirklich Einhalt gebieten will. Der Verwaltung waren erhebliche, nicht sehr glaubwürdige verbale Verrenkungen abverlangt, um die angebliche “Nahversorgung” der Himberger Bevölkerung zu begründen.
    Ich meine, dass die Kommunalpolitiker die Gestaltung der Stadt nicht in erster Linie Geschäftsleuten und Investoren überlassen dürfen, die vor allem nur ihren eigenen Gewinn im Auge haben.
    Der Vortrag enthält viele wichtige und richtige Gedanken. Er verdeutlicht aber nicht, dass Bad Honnef wohl hauptsächlich deswegen zur Seniorenstadt geworden ist, weil die Stadt ihren Status als Kurstadt verlor und die Kurkliniken in Altersresidenzen umgewandelt wurden.
    Heute steht der Ansiedlung von jungen Familien die Tatsache entgegen, dass Immobilien- und Bodenpreise in Bad Honnef mit die höchsten der Region sind und deswegen für junge Familien einfach zu teuer.
    Außerdem fehlen weiter führende Schulen in Bad Honnef, wofür CDU (wollte seinerzeit keine Gesamtschule und auch nicht das CJD) und SPD (wollte nicht das CJD aus Königswinter) leider gleicherweise Verantwortung tragen.
    Nach meiner Überzeugung müßte erst einmal ein Wande in den Köpfen stattfinden und zwar in Richtung von mehr “Gemeinsinn” und der Maxime “Eigentum verpflichtet”.





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