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Die Mauer des Schweigens bricht zusammen

April 13, 2010 von admin 

Das Thema sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche erfährt seit Mitte der neunziger Jahre eine immer größere öffentliche Aufmerksamkeit. Staat und Kirche müssen sich fast tagtäglich mit den zunehmend bekannt werdenden Fällen des sexuellen Missbrauchs und von Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen durch Priester, Ordensleuten und angestellten Erziehern der katholischen Kirche auseinandersetzen.

Dabei geriet insbesondere Papst Benedikt XVI. durch sein Schweigen immer mehr in die Kritik. Der enorme Vertrauensverlust, den die katholische Kirche durch das Verhalten des Papstes, aber auch durch den Umgang der kirchlichen Stellen mit den Tätern und Opfern erfährt, ist der größte in der jüngeren Kirchengeschichte. Mit Unverständnis reagieren die Menschen innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche darauf, dass eine bisher nicht bekannte Zahl von Sexualstraftaten ohne Strafverfolgung der Täter geblieben sind. Ebenso müssen Staat und Kirche die Frage beantworten, warum die Opfer keinen oder nur einen unzulänglichen Schutz erfahren haben.

Mauer des Schweigens

Ich habe mich in den letzten Wochen immer wieder gefragt, warum die Opfer so viele Jahre geschwiegen haben. Warum haben die Eltern der geschundenen Kinder und Jugendlichen so lange geschwiegen? Gerade in den Fällen von systematischer psychischer und physischer Misshandlung muss ihnen an ihren Kindern etwas aufgefallen sein. Haben sie ihren Kindern nicht geglaubt? Wollten sie ihnen nicht glauben, weil ihnen der Status ihrer Kinder als „EliteschĂĽler” wichtiger war? Durch ihr Schweigen haben die Täter weiterhin die Gelegenheit erhalten, jahrelang ungestraft unzählige neue Opfer zu missbrauchen und zu misshandeln. Dass die Kinder und Jugendlichen, die wirklichen Opfer des jahrzehntelang andauernden Skandals, schweigen, ist mit ihrem Scham- und SchuldgefĂĽhl zu erklären. Hinzu kam, dass man ihnen „das Unglaubliche“ nicht geglaubt hat oder ihnen nicht glauben wollte.

Bernhard DierdorfFoto: Bernhard Dierdorf schreibt fĂĽr Rhein-Onliner

„Wer zur Gewalt schweigt, der verliert sein Recht“

Ein deutsches Sprichwort lautet: „Wer zur Gewalt schweigt, der verliert sein Recht“. Zahlreiche Kirchenfürsten, Priester und Führungsverantwortliche der katholischen Kirche haben von dem sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sowie von den Misshandlungen von Schutzbefohlenen gewusst und geschwiegen. Sie haben vertuscht und sich frei gekauft. Sie wollten die Anmassung der römisch-katholischen Kirche als höchste moralische Instanz aufrecht erhalten. Ihr Schweigen sollte verhindern, dass die Kirche und ihre Einrichtungen „befleckt“ wurden. Sie haben durch ihr Schweigen das Recht verwirkt, heute und in Zukunft als Vertreter einer moralischen Instanz aufzutreten.

Kindern systematisch der eigene Wille gebrochen

Ich denke es kommt etwas hinzu, das insbesondere katholische Christen bisher nicht wahr haben wollten: Es waren vor allem katholische Einrichtungen, in denen die unglaublichen Verbrechen begangen worden sind. Viele kirchliche (aber auch weltliche) Erziehungseinrichtungen in Deutschland waren noch viele Jahre nach dem II. Weltkrieg Einrichtungen, in denen den Kindern systematisch der eigene Wille gebrochen und ihnen ihre Persönlichkeit mit allen zu Gebote stehenden psychischen und physischen Methoden genommen werden sollte und in vielen Fällen auch genommen worden ist. In den kirchlichen Einrichtungen kamen und kommen immer noch religiöse Sexualmoral und der Anspruch auf absoluten Gehorsam hinzu. Da treffen dann familienlose und ihre eigene Sexualität verdrängende Priester, Ordensleute und mitunter auch Erzieherinnen und Erzieher auf Kinder und Jugendliche, die ihre eigene Persönlichkeit und ihre eigenen Körper erst noch entdecken müssen. Es sind Kinder und Jugendliche, die darauf vertrauen, dass ihnen die im Dienst der Kirche stehenden Erwachsen den richtigen Weg zum Erwachsen werden aufzeigen.

Viele Fragen, aber bitte keine voreiligen Antworten

Die abscheulichen und gewalttätigen Erfahrungen der Opfer, die nun nach vielen Jahrzehnten endlich ihr Schweigen brechen, machen uns deutlich, dass in der katholischen Kirche und in ihren Erziehungseinrichtungen vieles nicht stimmt. Die Behauptung, dass der umstrittene Zölibat allein ursächlich für den von Priestern und Ordensleuten begangenen sexuellen Missbrauch sei, ist eine voreilige Feststellung.  Das Zölibat ist ein freiwilliges Opfer der Priester und Ordensleute. Doch es die Frage erlaubt, ob diese Voraussetzung nicht gerade die Menschen in die kirchlichen Berufe zieht, die zu Sexualität und menschlicher Nähe ein gestörtes Verhältnis haben?

Vatikan reagiert auf VertuschungsvorwĂĽrfe

Der Vatikan hat die Zuständigkeit der Strafverfolgungsbehörden bei sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche betont. Etwaige Verbrechen mĂĽssten zur Anzeige gebracht werden. Mit dieser erstmalig expliziten Richtlinie reagiert der Vatikan offenbar auf zahlreiche VorwĂĽrfe, wonach die Kirche Verdachtsfälle vertuscht und Ermittlungen verschleppt habe. „Die zivilen Rechtsvorschriften betreffend die Anzeige von Verbrechen bei den zuständigen Behörden sollten immer befolgt werden“, heiĂźt es in einer am 12. April auf der Website des Vatikans veröffentlichten Richtlinie. Pädophile Priester können auch ohne kirchenrechtliches Verfahren in den Laienstand versetzt werden. Diese Möglichkeit bestehe „in sehr schweren Fällen”, wenn ein staatliches Gericht bereits den Täter verurteilt habe oder die Beweislast erdrĂĽckend sei, heiĂźt es in einem am 12. April im Internet veröffentlichtem Leitlinienpapier.

Unter diesen Umständen könne die Glaubenskongregation, die sich mit Sexualdelikten von Klerikern befasst, den Papst direkt um ein entsprechendes Entlassungsdekret bitten. - Bernhard Dierdorf

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