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Lesezeiten: Die neue Unordnung – und das Glück des Suchens

September 7, 2008 von admin 

David WeinbergerOrdnung ist, wie so vieles im Leben, eine relative Sache, eine Sache der Einstellung, der Perspektive, der Erziehung, der Kultur. Vielleicht ist sie auch einfach nur Ansichtssache.

Der Briefträger in Deutschland etwa schätzt zur Orientierung die ordentlich durchnummerierten Häuser auf jeder Straße, was ihm die Zustellung der Post erleichtert. Der Briefträger in Tokio kann sich auf ein solches System nicht verlassen.

Foto: David Weinberger: Das Ende der Schublade. Die Macht der digitalen Unordnung

Er steht vor einer Ordnung, die wir gelinde gesagt als mittelschwere Herausforderungen bezeichnen würden. In Tokio nämlich werden Häuserblocks, Straßen und Häuser mit Ziffern gekennzeichnet. Und die Hausnummern richten sich dabei nach der zeitlichen Reihenfolge, in der die Gebäude in einem bestimmten Viertel gebaut wurden. Dass die Post dort trotzdem ihren Adressaten findet, mag uns Westeuropäer überraschen.

Stefanie Hertel meets Jimi Hendrix

Gibt es eine optimale Organisationsweise für unsere Welt? Gibt es eine allgemeingültige, verbindliche Ordnung? Oder folgen wir nicht vielmehr nur durch Tradition, Erziehung, Gewohnheit und also auch durch unsere Bequemlichkeit einer Ordnung, die nur solange „richtig“ ist, wie sie für unsere Zwecke funktioniert? Es mag Sinn machen, ein Wörterbuch alphabetisch von A bis Z zu ordnen, neutral, logisch und ohne auf die Bedeutung der Wörter, ohne auf ihre inneren Zusammenhänge zu achten. Aber was ist mit Ihrer CD-Sammlung? Haben Sie Beethoven neben James Brown, Claude Debussy neben Bob Dylan stehen und Stefanie Hertel neben Joseph Haydn? Vielleicht haben Sie ja aber auch Ihre Klassik-CDs ganz gesondert von der Unterhaltungsmusik einsortiert, und Stefanie Hertel steht nun neben Jimi Hendrix. Sie können es natürlich auch handhaben wie der Briefträger in Tokio: sie ordnen Ihre Sammlung nach Erscheinungsjahr; aber wollen Sie dann das Erscheinungsjahr der CD oder das der Musik als Ordnungskriterium anlegen? Wo landen Ihre Hörbücher und was machen Sie mit den Samplern, also den CDs, auf denen mehrere Interpreten und Komponisten vertreten sind? Wo landet Andrea Bocelli, wenn er Verdi-Arien singt? Bei B oder bei V? Natürlich können Sie Ihre Favoriten auch in die vorderste Reihe stellen, all die CDs, die Sie am liebsten hören und die Sie gerne griffbereit haben möchten. Für den Rest aber bleibt nach wie vor offen, wie Sie sie ordnen wollen. Gut, wenn Sie nicht mehr als 100 CDs besitzen, also eine noch überschaubare Zahl, dann werden Sie sich nicht den Kopf über irgendein Ordnungssystem zerbrechen. Wenn Ihre Sammlung aber über 1000 CDs umfasst, 10.000 vielleicht oder zehnmal so viele, dann müssen Sie ein System zum Finden haben. Und vielleicht suchen Sie nicht eine einzelne CD, sondern nur einen Titel.

Video: Der ‘Elektrischer Reporter ‘ Mario Sixtus im Interview mit David Weinberger

Philosoph und Beobachter

Die gesuchte CD im Musikschrank zu finden ist für gewöhnlich nicht allzu schwierig. Und die Suche in einer überschaubaren Unordnung kann durchaus auch einmal eine (Wieder-) Entdeckung bereithalten. Bei der Suche nach Informationen hingegen sieht die Sache schon ganz anders aus. Wir werden tagtäglich förmlich überflutet von Informationen und „eine Lösung für das Übermaß an Informationen sind noch mehr Informationen.“ Das zumindest behauptet David Weinberger in seinem Buch „Das Ende der Schublade. Die Macht der neuen digitalen Unordnung“. Ein Glück, dass Weinberger nicht nur ein anregender und unterhaltsamer Erzähler ist, der die Entwicklungen unserer digitalen Welt wie nur wenige Andere beschreibt und analysiert - kenntnisreich, anschaulich und immer von einer großen Neugierde angetrieben; David Weinberger ist zum Glück auch Philosoph, ein Mann also, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt und die aktuellen Entwicklungen des Internet in einem historischen, sozialen und kulturellen Zusammenhang sieht und darstellt.

Weinberger ist ein genauer Beobachter. Er beobachtet die physikalische Welt, die Welt in den Läden und Geschäften, wo wir uns auf die Suche nach Produkten begeben, die Welt der Atome, die einer Ordnung folgen, simpel und alltäglich: wie bei den CDs. Sie folgen in ihrer Ordnung der körperlichen Welt. Die neue Bruce Springsteen-CD kann zwar unter S stehen und dann noch einmal bei den Top-Sellern, vielleicht auch noch an einer dritten oder vierten Stelle im Laden, um die Kunden aufmerksam zu machen und den Verkauf zu steigern. Aber man braucht einfach für jede neue Kategorie, für jeden neuen Platz, den man für die Aufstellung der CD einrichtet, eben mindestens auch eine CD, die diese Kategorie repräsentiert.

Der Katalog der Kataloge

Nun stellen Sie sich vor, Sie wollten nicht die neue Bruce Springsteen-CD kaufen, sondern Sie würden den Laden betreten, nur um zu stöbern. Sie haben Ihre besonderen Interessen und Vorlieben. Aber davon weiß der Verkäufer nichts. Sie wollen nur das machen, was der Engländer „browsing“ nennt: sich nur ein bisschen umschauen. „Wäre es nicht wunderbar, wenn man die Artikel in den Läden und Märkten so anordnen könnte, dass man alle nur denkbaren Interessen berücksichtigen könnte? Wer schon wüsste, was er will, würde es dann sofort finden. Wenn wir uns hingegen umschauen wollen, würde das Geschäft sich nach unseren Bedürfnissen und Interessen umordnen, selbst wenn wir uns gar nicht sicher wären, wie sie aussehen.“ Ein Gedankenexperiment? Sicher. Aber eines, das mit unserer neuen digitalen Wirklichkeit zu tun hat. Die Ordnung, die wir vorfinden oder die wir selber herstellen, um uns zu orientieren und uns organisieren, das ist nach Weinberger die elementare erste Ordnung. Um uns in dieser Ordnung zu orientieren nutzen wir Zettelkästen, wir verorten Informationen über Informationen in einer zweiten Ordnung. Diese zweite Ordnung, das ist gewissermaßen der Katalog der Kataloge, die Verschlagwortung zum schnelleren Auffinden von Informationen in der ersten Ordnung. Ein Prinzip, das in jeder Bibliothek verwendet wird.

Eine dritte Ordnung? Erst mit dem Computer und dem Internet, mit der Aufspaltung der Atome in Bits und Bytes ist es möglich die Dinge der ersten und die der zweiten Ordnung gleichermaßen im Web zu veröffentlichen. Hier kann jeder Nutzer sie mit entsprechenden Schlagworten, sogenannten Tags, ausstatten, die seiner persönlichen Ordnung, seinen Vorlieben, Interessen und seiner Sicht der Welt entsprechen. Hier kann er individuelle Listen zusammenstellen und den Dingen eine ganz eigene Bedeutung zukommen lassen. Das, was der Nutzer macht, nennt Weinberger die Dinge mit Metadaten zu versehen.

Ordnung die nützt

Die Metadaten der Nutzer sammelt das Internet als gigantischer Speicher und stellt sie allen anderen Nutzern zur Verfügung. Damit entstehen völlig neue Bedeutungen von Informationen. Das scheinbar Unübersichtliche, die neue Unordnung, wird so zum eigentlich kreativen Potential des Internets. Und das ist nicht weniger als eine Revolution: Experten verlieren ihre Macht, soziale Netzwerke werden immer einflussreicher, und Kunden und Bürger entscheiden selbst, weil sie am besten wissen, was sie wollen. Jeder verschafft  sich genau die Informationen, die er braucht, und bringt sie in die Ordnung, die ihm am besten nützt.

„Wenn wir als die vernunftbegabten Tiere definiert werden, ist die höchste menschliche Aktivität, zu wissen, und das Wissen ist König“ schreibt Weinberger. „Die dritte Ordnung der Ordnung hat jedoch nicht viel Geduld mit Monarchen, die uns sagen, wie wir unsere Ideen zu organisieren haben. Das Schicksal des Königs hängt von drei Fragen ab: Was geschieht mit dem Wissen, das wir bereits haben? Was passiert mit dem Prozess, durch den wir Wissen entwickeln? Und welche Rolle wird dem Wissen in dem externalisierten Bedeutungsnetz, das wir spinnen, zukommen?“ Mit anderen Worten: wie werden sich Metadaten, wachsende Netzwerke sich ausbreitender neuer Bedeutungen, auf die bisher herrschende Informations- und Unternehmensordnung auswirken.

Sturz der Autoritäten

Die neuen Kommunikationsstrukturen des Web 2.0 führen zu einem Weniger an Kontrolle. Offenheit, Austausch, Vertrauen werden den Wettbewerb der Zukunft bestimmen. Alte Autoritäten werden stürzen. Das Web 2.0 zieht das Enterprise 2.0 fast zwingend nach sich. Nur ein neuer Unternehmensgeist wird die Herausforderungen des Web 2.0 annehmen und seine Möglichkeiten nutzen können. Die Frage danach, wie sich Unternehmenskulturen verändern müssen, um als Enterprise 2.0 bestehen zu können, fällt nicht in Weinbergers Zuständigkeitsbereich. Das ist das Thema mit dem sich Manager, Softwareentwickler und Unternehmenspraktiker beschäftigen. Loslassen, um sich weiter zu entwickeln, das bedeutet in erster Linie, die Beobachtungen und Theorien Weinbergers zu teilen und seine Analyse als das anzuerkennen, was sie ist: scharfsinnig, zukunftsweisend und revolutionär.

David Weinbergers Buch hat mit seiner brillanten Schärfe und Klarsicht bereits jetzt das Zeug zum Klassiker. Wer die Welt des 21. Jahrhunderts besser verstehen und die Wege in die digitale Zukunft begreifen will, wer tiefgehenden Fragen nicht ausweicht, der kommt an diesem Buch nicht vorbei. – Paul Schilling

Die FreieHONNEFER hatte Gelegenheit dem Autor des Buches, David Weinberger, einige Fragen zu stellen. Hier geht es zum Exklusiv-Interview.

Das Ende der Schublade. Die Macht der digitalen UnordnungDavid Weinberger: Das Ende der Schublade. Die Macht der digitalen Unordnung. Hanser Verlag, München 2008, 312 Seiten, € 19,90. ISBN-10: 3-446-41221-2

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