Medien-Barometer: General-Anzeiger - Leseprobe mit Verlängerung?
Februar 15, 2010 von admin
Das große Zeitungssterben in den USA treibt langsam aber sicher auch den deutschen Verlegern und Zeitungsredakteuren den Angstschweiß auf die Stirn. Angesichts sinkender Auflagen und Werbeeinnahmen, auch hierzulande, fragen sie sich, wie sie ihre Tages- und Regionalzeitungen zukünftig gewinnbringend unters Volk bringen können. Auch der Bonner General-Anzeiger scheint auf der Suche nach einer neuen Strategie zu sein.
Abb: Screenshot der Online-Ausgabe des Bonner General-Anzeigers
Leseprobe mit Verlängerung?
Der Kampf um jeden Zeitungsleser ist längst entbrannt. Ein Mittel der erfolgreichen Kunden-Akquise sehen die Verlage verstärkt in der Bereitstellung kostenloser Probe-Abos für ihre Zielgruppe. Auch der Bonner General-Anzeiger (GA) bietet solche Leseproben an: “Nutzen Sie auch nach Ablauf der zwei Wochen weiterhin die Vorzüge einer guten Tageszeitung und starten Sie weiterhin gut informiert in Ihren Tag.” Nun, wir geben zu: Verlängern werden wir die Leseprobe des GA nicht. Die Vorzüge einer tagesaktuellen Information sehen wir eben, in erster Linie, auf das Medium Internet bezogen. Warum, so fragen wir uns, soll man für eine Zeitung bezahlen, während man die meisten Informationen auch aktueller und kostenlos im Internet erhalten kann?
Junge Menschen kaufen kaum noch Zeitungen
Das ist das Dilemma, in dem sich viele Tageszeitungen befinden. Die Herausgeber und Chefredakteure fragen sich: Wie gestalten wir unsere gedruckten Ausgaben so attraktiv, dass sie von den Menschen weiter gekauft werden? Wie bauen wir unsere Online-Ausgabe parallel so interessant auf, dass wir damit die vielen Menschen erreichen, die ihre Informationen vorwiegend online beziehen, ohne unsere Print-Ausgabe zu gefährden? Die Zeitungsmacher wissen genau, dass sie das Internet als Kommunikationskanal für ihre Nachrichten nicht ignorieren dürfen. Junge Menschen, eigentlich die Zeitungsleser von morgen, sind fast nur noch online. Sie kaufen keine gedruckten Tageszeitungen mehr. Was in der Welt ‘abgeht’ entscheidet sich für sie online, nicht im Print.
Gesucht: Online mit “Machermentalität”
Trotz, oder gerade wegen, zurückgehender Zahlen bei Abo-Kunden und Zeitungskäufern: Der Bonner General-Anzeiger versucht sich im Internet neu aufzustellen. “Die Sichtung und Verarbeitung aller redaktionellen Inhalte werden künftig über einen Newsdesk/Newsroom erfolgen.” heißt es. In einer Stellenausschreibung sucht der GA nach einem “Online-Site-Manager”. Aufgabe soll die “Initiierung, Koordination und (das) Qualitätsmanagement von online-spezifischen Inhalten unter Nutzung der zukünftig crossmedial aufgestellten Redaktion” sein. Dabei fordert der GA echte “Machermentalität”.
Werden die Leser als Mitmacher akzeptiert?
Auch die “Initiierung und Durchführung von Projekten zur (…) Lokalisierung von Inhalten” und zum “Aufbau interaktiver Userkommunikation” ist gewünscht. Das ist neu. Bisher haben die Leser der Zeitung nur die Möglichkeit, sich in Form von traditionellen Leserbriefen an die Redaktion zu wenden. Nunmehr denkt man beim GA scheinbar auch darüber nach, wie man mit den Lesern online und interaktiv in einen Dialog treten kann. Bis dato hat man unter www.general-anzeiger-bonn.de noch nicht die Möglichkeit eigene Kommentare zu veröffentlichen oder Inhalte zu diskutieren. Der Zeitungsleser ist hier noch, ganz klassisch aber eben nicht mehr zeitgemäß, Empfänger und nicht auch Sender von Nachrichten und Inhalten.
Widerstand und Skepsis gegen den Neuanfang?
Nicht alle Mitglieder der Redaktion werden begeistert sein, wenn der Neustart (englisch: Relaunch) ansteht. In ihrem Buch “Der Relaunch - Zeitung-Zeitschrift-Internet” (UVK) schreiben die Autoren Markus Reiter und Eva-Maria Waas über ihre praktischen Erfahrungen mit traditionell geführten Redaktionen: “Wir stoßen in Redaktionen auf einen unterschiedlichen Grad an Offenheit gegenüber den notwendigen Veränderungen (…) Vor allen in zwei Fällen zeigt sich Widerstand. Erstens, wenn ein neuer Chefredakteur (hier ein Online-Site-Manager) angetreten ist und einen Relaunch in Angriff nimmt(…) Zweitens kommt es zu Widerständen, wenn ein Relaunch vom Verlag über die Köpfe hinweg angeordnet wird.”
Psychologisch gesehen unterscheiden Reiter und Waas zwischen vier verschiedenen Gruppen oder Einzelpersonen:
- Die Widerständler
Sie bezweifeln die Notwendigkeit des Neuanfangs. Sie - und in ihren Augen auch die Leser - sind zufrieden mit dem, was war und ist. Sie zeigen oft eine erstaunliche Unkenntnis über Marktentwicklungen , zum Beispiel über den Einfluss des Internets auf das Leseverhalten und die wirtschaftliche Situation der Printmedien. Auf neue Ideen reagieren sie mit Aussagen wie: “Das haben wir früher schon mal probiert. hat auch nicht funktioniert.” Dabei glorifizieren sie eine großartige Vergangenheit der Zeitung, ohne die veränderten Rahmenbedingungen in Rechnung zu stellen.
- Die Skeptiker
Die Skeptiker lehnen einen Neustart nicht völlig ab, verstehen ihn aber als vorsichtige Neugestaltung, bei der möglichst wenig verändert wird. Journalistisch und inhaltlich sehen sie keinerlei Änderungsbedarf: “Unsere Leser machen das nicht mit!” Die Abneigung der Skeptiker gegen Veränderungen ist in den meisten Fällen jedoch größer als die der Leser. Bei radikaleren Lösungen reagieren die Skeptiker mit Aussagen wie: “Mir gefällt es zwar, aber unsere Leser….”
- Die aufgeschlossenen Neutralen
Zuerst neutral eingestellte Redakteure können schnell Lust auf das Neue bekommen, vorausgesetzt man bindet sie möglichst früh und aktiv in den Veränderungsprozess ein.
- Die Begeisterten
Mit dieser Gruppe soll ein Relaunch richtig Spaß machen. Der Austausch findet über Argumente statt und der Neuanfang wird konstruktiv begleitet oder sehr aktiv unterstützt.
Eigene Ideen sind gefragt
Rhein-Onliner drückt dem neuen Online-Site-Manager des GA die Daumen und wünscht dem Bonner General-Anzeiger viel Erfolg bei seinem Relaunch. Wir sind besonders gespannt auf alle Neuerungen in der Online-Ausgabe des GA und werden darüber weiter berichten. - Christian Preuß























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