Medien-Barometer: Hubert Burda - Der alte Mann und das Netz
Juli 3, 2009 von admin
Die Meldung ist kurz und schnell erzählt. Der badische Medienmogul und Präsident des mächtigen Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), Hubert Burda, sieht sich durch Suchmaschinen und Provider enteignet und fordert neue Gesetze vom Staat und Geld von Google.
Abb: Hubert Burda (links) (c) Hubert Burda Media und ein Screenshot seiner Google-Suchergebnisse
Gerne gibt sich der Herrscher über Bunte, Freundin, Chip und Focus als großer Freund und Förderer des Internets. Und das nicht nur als Vorsitzender der DLD in München, zu der er prestigeträchtig alljährlich Persönlichkeiten der Internetbranche wie Jeff Jarvis, Esther Dyson oder Arianna Huffington einlädt. Nein, Burda stieg vor 15 Jahren sogar selbst ins Providergeschäft ein und wollte mit seinem „Datendienst“ Europe Online (EOL) den damaligen Platzhirschen AOL und Compuserve (lang ist’s her) Konkurrenz machen. Das schlug fehl. EOL ging pleite.
Denken und Wissen pulsieren im Netz
Doch Burda beschränkte sich in den darauffolgenden Jahren nicht allein auf das traditionelle Kerngeschäft. Dass das Internet eine Wachstumsbranche ist, das hatte er begriffen. Seit 1999 investiert Burda mit der Burda Digital Ventures kontinuierlich in junge Wachstumsunternehmen – aus der Internetbranche: Edgar Medien AG, Suite 101, Nachtagenten, IncGamers Ltd, Abebooks, Greenfield Online, Elite Medianet, Avenso, Cyberport, Xino Media und und und.
So weit, so viel. Dass Burda nun gerade über die Plattformen des Internets herfällt, die offenbar etwas mehr vom Netz verstehen, als er selbst, mag als Reflex verständlich sein. Als mehr aber auch nicht. Ob Hubert Burda sich noch erinnern kann, von wem folgendes Zitat stammt? „Modernes Denken und brillantes Wissen pulsiert in binären Datenströmen durch die Netze. Hier wächst der Wohlstand von morgen.“ Kaum zu glauben, aber es stammt vom Großverleger selbst.
Wessen Inhalte?
Anders klingt, was Burda nun in einem Beitrag für die FAZ schreibt. Dort erklärt er kämpferisch, dass er es nicht länger hinnehmen werde, dass Google & Co. mit den Inhalten der Verlage Kasse machen und die Inhalteproduzenten nicht beteiligen. “Wer die Leistung anderer kommerziell nutzt, muss dafür bezahlen.“ Wessen Inhalte? An keiner Stelle spricht Burda von freien Autoren und Journalisten, nirgendwo ist von Blogs die Rede, nirgendwo etwas von den tatsächlichen Urhebern. Burda spricht nur von den Verlagen. Genaugenommen nur von seinem. Und er glaubt tatsächlich noch, dass Qualitätsjournalismus als „besonderes Kulturgut“ nur von Verlagen produziert werden könne und fordert kategorisch: „Verlage brauchen die Sicherheit, dass ihnen das ausschließliche Recht auf Vervielfältigung, Verbreitung, öffentliche Wiedergabe und öffentliche Zugänglichmachung für Presseerzeugnisse zusteht, und das muss auch für digitale Medien gelten.“

Abb.: Google News vom 03.07.2009, 10:20 Uhr - Bestiehlt Google etwa die Verlage?
Die Zeitungen nennen es Diebstahl
Aber damit nicht genug. Burda verlangt einen besonderen Schutz vor Suchmaschinen wie Google, Schutz für die Kulturgut-Leistung (siehe „Freizeit aktuell“, „Viel Spaß“, „TV schlau“ und „SUPER Illu“) seines Verlages und das Recht von Suchmaschinen „nach objektiven Kriterien gefunden“ zu werden und an deren Erlösen „zu überprüfbaren Konditionen zu partizipieren.“
Wäre es da nicht einfacher, Google einfach auszusperren, statt Enteignung und staatliche Kontrolle zu fordern? Dass zumindest meint Ulrike Langer. Wer nicht will, dass die Suchmaschinen einem seine Inhalte klaut, der kann mit einem einzigen Mausklick verhindern, „dass die Crawler vorbeikommen und Seiten indizieren.“ Doch die Verleger wissen genau, dass ihnen dadurch zahlreiche Besucher verloren gingen. „Zu Focus Online finden über die Hälfte der Besucher per Google.“ Und Langer zitiert den Wird-Chefredakteur Chris Anderson, der über die 40 Prozent Google-Besucher der Wired-Webseite sagt: „Ich nenne das ein Geschenk, aber die Zeitungen nennen es Diebstahl.“
Die Ohnmacht der Medienmogule
Während überraschend viele Online-Chefredakteure wie Jochen Wegener (Focus.de), Mercedes Bunz (Tagesspiegel.de) und Hans-Jürgen Jakobs (Sueddeutsche.de) Burda unterstützen, teilt taz-online-Chef Matthias Urbach diese Ansicht nicht. Für ihn steht fest: Google bringt uns Traffic. Es funktioniert wie ein Kiosk. Warum sollen nur die Medien verdienen dürfen, die Kioske aber nicht?“
Die Macht der Medienmogule bröckelt. Und das ist gut so. Statt egomanischer Managerikonen bringt gerade das Internet Menschen hervor, die etwas Neues schaffen, nicht in ausgetretenen Pfaden gehen und in altbekannten Bahnen denken, sondern die sich als „soziale Architekten“ verstehen. Geld fürs Verlinken nehmen? Nein! Das würde das Prinzip des Netzes selbst in Frage stellen. – Paul Schilling
Linktipp: Google News zu Hubert Burda
Und was meinen SIE?
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Hinweis der Redaktion: Medien-Barometer - Informationen online
Die Medienbranche ist im Umbruch. Zeitungen kämpfen ums Überleben, ganze Redaktionen werden geschlossen, Verlage suchen nach neuen lukrativen Geschäftsmodellen, was in der Regel die Kündigung zahlreicher Mitarbeiter und die Schließung ganzer Redaktionen bedeutet.
Wohin geht die Entwicklung? Am Internet kommen weder die Zeitungsverlage noch die Fernsehanstalten vorbei. Als einziges Web-Magazin der Region verfolgen wir die ebenso dramatischen wie spannenden Entwicklungen auf dem Medienmarkt mit großem Interesse und mit besonderer Aufmerksamkeit. Lesen Sie in unserem Medien-Barometer die wichtigsten Meldungen aus der Branche. Meldungen, Meinungen und Links zur aktuellen Medienmisere, sowie Beiträge und Informationen zu Wegen aus der Krise ab sofort unter Medien-Barometer.























Ein guter Beitrag, der auch Lesern, die nicht so tief im Thema stecken, deutlich macht, worum es hier geht. Und der auch den Widerspruch zwischen Burdas unternehmerischem Handeln behandelt: Burda erkennt einerseits neue Chancen im Intenet will aber andererseits per Gesetz Besitzstandswahrung für veraltete Geschäftsmodelle festschreiben lassen.
Nur eine korrigierende Anmerkung, an der Stelle, wo Sie mich zitieren: Ich schreibe nicht, dass man per Mausklick verhindern kann, dass Google Inhalte klaut. Google klaut keine Zeitungs-Verlagsinhalte, deshalb muss man das auch nicht verhindern. (Diese Diskussion bezieht sich auf das Scannen von Büchern, was hier ohnehin verboten ist, hat also mit dem, was Burda kritisiert, nichts zu tun.) Ich schreibe, dass Verlage mit einem Mausclick verhindern können, dass ihre Seiten in Suchergebnissen auftauchen und verlinkt werden, denn schon dafür fordert Burda Geld. Es ist aber eine Dienstleistung, die Verlage freiwillig in Anspruch nehmen.
Vielen Dank für Ihren Hinweis.
Interessant sind auch die Hinweise der Google “News (Verleger)-Hilfe”. Hier ist u.a. zu lesen:
“Dreistellige Zahl anzeigen - Die URL jedes Artikels muss eine eindeutige Zahl enthalten. Diese muss mindestens dreistellig sein. Unser Google News-Crawler kann einen Artikel mit der folgenden URL beispielsweise nicht finden: http://www.google.com/news/article23.html. Die folgenden Seite kann er hingegen crawlen: http://www.google.com/news/article234.html”
Auch die technischen Voraussetzungen unter http://www.google.com/support/news_pub/bin/answer.py?answer=74288 sind interessant.
Fazit: Verlage, die mit ihren News nicht bei Google gelistet werden wollen, sollten dies über die Nicht-Erfüllung der Crawler-Voraussetzungen leicht erreichen können. Warum handeln sie dann nicht entsprechend?
[...] sogar die Nachrichtenagenturen liefern dann und wann ergänzende WWW-Adressen zu Berichten. Hubert Burdas Unverständnis des Verlinkungsprinzips lässt allerdings vermuten, dass dieser Prozess erheblich länger dauern könnte, als [...]
“Der Suchmaschinenbetreiber Google wehrt sich gegen die Attacken aus dem deutschen Verlegerlager. “Ich würde mich freuen, wenn die Verlage die Energie, die sie heute in die Angriffe gegen Google investieren, darauf verwenden würden, erfolgreichere Geschäftsmodelle im Netz zu entwickeln. Stellen Sie sich einfach mal vor, es gäbe Google nicht. Würde ein einziger Verlag dann besser dastehen? Nein, im Gegenteil.”, sagte Philipp Schindler, Europa-Chef von Google, dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,642986,00.html
[...] aber werden Verleger und Chefredakteure wohl eine andere Sau durchs Dorf treiben. Tags: Links, Online-Journalismus, [...]