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Interview mit David Weinberger: „Der Wert der neuen Unordnung ist nicht die Unordnung selbst.“

September 7, 2008 von admin 

Fragen an David Weinberger, Autor des Buches „Das Ende der Schublade. Die Macht der neuen digitalen Unordnung“.

FreieHONNEFER: Mr. Weinberger, Ihr aktuelles  Buch „Everything is Miscellaneous: The Power of the New Digital Disorder“, das seit dem Frühjahr dieses Jahres  in der deutschen Übersetzung vorliegt, erfährt große Aufmerksamkeit.  Noch letztes  Jahr waren Sie in Europa nur einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Experten als Autor des Cluetrain-Manifests bekannt.  Mittlerweile ist das Web 2.0 auch in Deutschland angekommen.  Warum hinken die Europäer bei den Entwicklungen des Internets hinterher?

Weinberger
: Dass die Europäer hinterherhinken, ist sicherlich ein zu umfassendes Thema, um es zu verallgemeinern. Die Europäer sind beispielsweise um Weiten fortschrittlicher, als die USA, was den Breitbandzugang betrifft. Außerdem kommen einige der meist revolutionären Softwareentwicklungen aus Europa. Zweifellos sind einige Unterschiede, die in der Tat bestehen, auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen: unsere Einstellung gegenüber Fremdem, die Rolle des Klassensystems, wie auch die Anerkennung von Autorität, etc.

FreieHONNEFER: Noch vor 10 oder 20 Jahren nutzte man fast ausschließlich Lexika um verlässliche Informationen zu bekommen.  Heute schaut man bei Wikipedia nach. Ist das Internet das Ende des Buches als Informationsquelle?

David WeinbergerFoto: David Weinberger

Weinberger: Nein, nichts anderes außer das Fernsehen hat das Live Theater verdrängt. Wenn wir ein e-book nicht finden, dann können wir immer noch zur Papier Version greifen. Bücher werden solange gedruckt, solange die Ausbreitung von Qualitätsbüchern allgegenwärtig ist. Aber das Internet verändert auch die Natur des Sachverstandes, was folglich bewirkt, dass wir unsere Haltung gegenüber Büchern verändern werden. Vor Zeiten des Internets waren Bücher aufwendig zu publizieren. Es ging kein Weg vorbei an den Herausgebern, die schließlich entschieden, welche Worte gedruckt wurden.

Bücher galten als reine Gegenstände, die nur dazu dienten einen intelligent gefüllten Inhalt zu haben, der zwischen zwei Buchdeckel passt. Das Buch also nur betrachtet als regloses Objekt, das sprach und starb. Das Internet erlaubt uns jedoch auf andere Weise scharfsinnige Arbeiten zu entdecken, die geschaffen werden können,  ohne dass sie die Erlaubnis eines Dritten brauchen. Dennoch offenbaren sich solche Autoren oft durch Unkenntnis oder ihre Voreingenommenheit, und es wird daher oft heiß über sie diskutiert. Bücher bewahren, Links explodieren. Dieser Unterschied hallt durch die Welt der Autoritäten, ihre Fachkenntnis und ihr Wissen selbst.

FreieHONNEFER: Wie sieht es mit der Zeitung der Zukunft aus? Microsoft-Chef Steve Ballmer hat kürzlich prognostiziert, dass es in zehn Jahren keine Zeitungen mehr geben werde. Teilen Sie diese Einschätzung?

Weinberger: Es ist schwer zu sagen, wie wir den Bedarf decken werden, den die Zeitungen momentan decken. Wir sind uns ja noch nicht mal darüber einig welche Bedürfnisse es sind. Wir haben eine Tugend aus der Begrenzung der Zeitung gemacht, folglich brauchten wir Herausgeber, die darüber entscheiden mussten was wichtig ist zu lesen. Meisten, aber nicht immer, sind wir besser dran ein System zu entwickeln, das uns die Nachrichten liefert, die wichtig für uns sind, was wiederum die Frage aufwirft, was wichtig ist, auch wenn wir es nicht für wichtig erachten. So, dass uns dieser Prozess tiefer in seine Geschichte eintauchen lässt, um unseren Horizont zu erweitern.
Es ist sehr schwierig die Zukunft der Zeitung vorherzusagen, weil wir bis heute noch kein akutes Mittel gefunden haben, um Papier als Medium zu ersetzen. Das Amazon-Kindl geht in diese Richtung, aber es ist eher als Prototype des E-Readings zu verstehen, das wir in Zukunft öfter finden werden. Auf der einen Seite bindet es den Kunden, da er online im Amazon bookshop liest, auf der anderen Seite jedoch verbindet er sich nicht mit anderen Leuten, die dasselbe Buch lesen
.

FreieHONNEFER: Sie beschreiben in Ihrem Buch eine Revolution des Wissens, in der wir uns im Augenblick befinden.  Für viele Menschen ist diese Revolution vor allem eine neue Unübersichtlichkeit und ein Überangebot (oversupply) an Wissen. Befürchten Sie nicht, dass das dazu führen kann, dass sich die Menschen wieder den vertrauten Informationsquellen zuwenden?

Weinberger: Ich habe einige Bedenken. Aber davon ausgehend, dass das Internet offen und zugänglich bleibt, denke ich ist es unwahrscheinlich. Angenommen die Anzahl der Magazine im Kiosk nebenan steigt von 50 auf 1 Millionen: würden sie sich dann darüber Gedanken machen, ob die Leute nur alte Zeitschriften kaufen. Das Internet funktioniert als Verkäufer von Millionen und aber Millionen von Magazinen und Zeitschriften. Dennoch sind diese Magazine verlinkt, was bedeutet, dass man vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt. Von etwas Vertrautem zu etwas Exotischem oder auch Verführerischem.

FreieHONNEFER: Sie propagieren eine neue Unordnung. Vielen Menschen macht das Angst. Viele Menschen finden in der Ordnung Sicherheit. Wie treten Sie solchen Befürchtungen entgegen?

Weinberger: Der Wert der neuen Unordnung ist nicht die Unordnung selbst. Wir werden nie das Internet in seiner ganzen Pracht, in seiner Vielfalt zu sehen bekommen. Wir sehen es immer nur als eine geordnete Reihung, die in Form von Ergebnislisten bei Google oder Blog post auftauchen, die es schafft fünf verschiedene Artikel über Benutzung von Micowellen als Klamottentrockner anzuzeigen. Das neue Chaos ermöglicht uns so viele Reihen von Abfolgen anzuordnen wie wir wollen…soll heißen: Du suchst Dir einen Weg wie Du Deine CD brennst, mit welcher Art von Playlist Deiner digitalen Musik Du Deine eigene Signatur gibst. Es bedeutet im Grunde genommen, dass wir mehr Wege finden, um zu wissen was wichtig ist, um unsere Welt zu verstehen.

FreieHONNEFER: Was raten Sie deutschen Unternehmen? Genügt es ein Blog einzurichten oder müssen umfangreichere Maßnahmen ergriffen werden, um ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern?

Weinberger: Blogging ist nur ein Teil einer großen Veränderung die gerade stattfindet. Ich frage mich ob eine Firma die bloggt, die Ausmaße der Verwandlung der Geschäftsbeziehungen zum Kunden erkennt. Denn prinzipiell sind Kunden in einem Wir-zu-Wir-Verhältnis, denn wir Kunden sind die beste Quelle für Informationen über Produkte und die beste Anlaufstelle für technische Hilfe. Doch die meisten Firmen setzen eher auf das Prinzip des Wir-zu-Ihnen-Verhältnisses zum Kunden. Und wir Kunden sind oft sehr verärgert uns damit tagtäglich auseinander zu setzten.

FreieHONNEFER: Mr. Weinberger, vielen Dank für das Interview.
Interview: Paul Schilling, Übersetzung: Roman Schilling

Lesen Sie dazu auch: Die neue Unordnung – und das Glück des Suchens

Linktipp: David Weinberger - his speech at Ars Electronica

David Weinberger forscht und lehrt am Berkman Center for the Internet & Society in Harvard, er schreibt für Zeitschriften wie “Wired” und “Harvard Business Review” und viele Tageszeitungen. Er ist Koautor des internationalen Bestsellers “The Cluetrain Manifesto” und betreibt die Website www.evident.com
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Englischer Originaltext:

“The value of the new disorder isn’t the disorder itself.”

Questions to David Weinberger, author of the book “Everything is Miscellaneous. The Power of the New Digital Disorder”

FreieHONNEFER: Your up-to-date book „Everything is Miscellaneous: The Power of the New Digital Disorder” which is published in German translation since spring, is attracting great attention. Since last year only a small group of experts was acquainted with your name as the author of the “cluetrain manifesto”. In the meanwhile the web 2.0 has also arrived in Germany. Why do the Europeans lag behind the developments of the internet?

Weinberger: Saying that “Europeans lag” is too broad a generalization. For example, much of Europe is far ahead of the US in providing access to broadband, some revolutionary software has come out of Europe, etc. Undoubtedly, some of the differences that do exist are due to cultural variations in the basics: Our attitude towards strangers, the role of class systems, acceptance of authority, etc.

FreieHONNEFER: 10 or 20 years ago one used a printed encyclopedia to receive authentic information. Today one uses Wikipedia. Is the internet the end of books used as a source of information?

Weinberger: No, no more than TV killed live theater. When we can’t get to a book electronically, we’ll find a paper version. Books will continue to be published until book-quality displays are ubiquitous. But the Internet is altering the nature of authority, which will bring about a change in the nature of books and our attitude towards them. Until the Internet, books were hard to print, so you had to go through a third party publisher who decided whose words were distributed. Books were complete objects, structured intellectually to fit between covers. And books were dead, inert objects that having spoken, were done speaking. The Net is leading us to prefer intellectual works that can be created by anyone without third party approval, are linked, are transparent about their own weaknesses and biases, and are always under discussion. Books contain; links explode. That difference reverberates through the nature of authority, expertise, and knowledge itself.

FreieHONNEFER: What do you think about the future of newspapers? Recently Steve Ballmer predicted that newspapers will die-off and that they will be displaced by the internet, especially by the new possibilities of the web 2.0. Do you share this opinion?

Weinberger: It’s very hard to know how we will be serving the needs that newspapers currently serve. We don’t even agree on what those needs are! We’ve made a virtue of the fact that newspapers are so finite, and thus we need editors to decide what’s important enough for us to read. In most ways - but not in all - we are better off developing systems that bring us the news that is important to us, that reflects what is important even though we may not think so, and that both lets us dig deeper into a story and expand our interests. We don’t know how we’re going to do all that, although it seems pretty clear to me that we’re going to do it socially, for one another.
It is especially hard to predict the future of newspapers because we don’t yet have that which will replace paper as a delivery medium. The Amazon Kindle is a step in that direction, but it is very much a mere prototype of the e-reader we will someday have. For one thing, it connects the person doing the reading to the Amazon bookstore, but it doesn’t connect that person to other people reading the same book
.

FreieHONNEFER: In your book you describe a revolution of knowledge we are located in today. For a lot of people this revolution is particularly a new complexity and an oversupply of knowledge. Aren’t you afraid this could lead people back to the sources of information they are familiar with?

Weinberger: I have some concern about that, but - assuming the Internet is kept open and free - I think it is unlikely. Suppose the number of magazines available in your local store went from, say, fifty to a million. Would you worry that people will only read the old magazines? The Net is like a billion magazines, except the magazines link to one another like crazy, so you’re constantly tempted to click away from the familiar to something exotic and enticing.

FreieHONNEFER: You preach a new disorder. Many people are afraid of disorder. Many people prefer the certainty of order. How do you counter these fears?

Weinberger: The value of the new disorder isn’t the disorder itself. We never see the Internet in all of its miscellaneousness. We always see it ordered one way or another, whether it’s in the form of a list of results at Google or a blog post that pulls together five online articles about using microwaves as clothes driers. The new disorder enables us to layer as many different types of order as we want on it - you have to pick just one way to organize your physical CDs, but you can have many different playlists of your digital musics - which means we have more and more ways of finding what we need and of understanding our world.
In the late 1980s, people were predicting the end of civilization because we’d drown under all the information we were generating. We’ve in fact created much more information than even the direst predictions. Yet we’re generally doing quite well. It turns out the solution to the information overload problem is to generate more information … information about that information. That’s what we’ve been doing, and we keep inventing new ways to use that information-about-information to help us search and manage the overload. So far, so good, and there’s no end to the innovation in sight
.

FreieHONNEFER: What is your advice to German companies? Is it sufficient just to adjust a blog or is it necessary to take extensive action to assure their competitive position?

Weinberger: Blogging is just one piece of the change that’s happening. In fact, I’d argue that a company that blogs without understanding the larger transformation of business’ relation with its customers is likely to be better off not blogging. Fundamentally, customers are in a we-we relationship, for we customers have become the best source of information about products and the best source of technical help. Most companies are still in an us-them relationship to their customers, and we customers are tired of dealing with them that way.

FreieHONNEFER: Mr. Weinberger, thank you very much for this interview.
Questions by Paul Schilling

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