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Lesezeichen: Keine Toiletten-Währung, please!

Januar 12, 2009 von admin 

British CoinsBis heute haben manche Briten den Niedergang ihres Weltreiches nicht ganz verwunden. Vom Glanz des Empire ist nicht viel mehr übriggeblieben, als ein von Skandalen erschüttertes Königshaus, eine praktikable Weltsprache und, seit vergangener Woche, ein Land mit dem niedrigsten Leitzins seiner Geschichte seit William III. auf dem Thron saß – das war 1694.

Schwerste Krise seit dem 2. Weltkrieg

Der Stolz der Briten wird zurzeit auf eine harte Probe gestellt. Die einstige Nummer 1 im europäischen Bankengeschäft erlebt den tiefsten Absturz seit über 30 Jahren. Experten sprechen gar davon, dass Großbritannien in der schwersten Krise seit dem 2. Weltkrieg stecke. In jedem Fall trifft die aktuelle Finanzkrise das Vereinigte Königreich ungleich härter als den Kontinent. Denn kein anderes europäisches Land ist so stark von der Bankenindustrie abhängig, wie Großbritannien. 2007 wurden 10,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts auf der Insel im Finanzsektor erwirtschaftet. Im vergangenen Jahr dürfte es nur noch ein Bruchteil dessen gewesen sein.

Briten bleiben auf der Insel

Für die reiselustigen Briten ist das Euro-Festland nicht länger das Schnäppchen-Paradies, das es seit der Einführung des Euro gewesen ist. Das starke Pfund machte über Jahre hinweg den Urlaub in Frankreich, Italien oder Spanien zu einem preiswerten Vergnügen. Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Zum Jahreswechsel sackte das britische Pfund auf einen historischen Tiefstand von 1,02 Euro ab. Auch wenn sich das nationale Symbol der Stärke und Unabhängigkeit in den vergangenen zwei Wochen wieder leicht erholt hat, bei einem Kurs von 1,12 Euro bekommen viele europäische Skiorte die Folgen der schwachen britischen Währung in diesem Winter deutlich zu spüren. Kostete etwa ein Bier im bei Briten so beliebten französischen Skiort Val-d’Isère im vergangenen Jahr noch vier Pfund, so sind es jetzt bereits sechs Pfund, die der Gast aus Großbritannien hinlegen muss.

Auch die bei den Briten überaus beliebten Immobilien, vor allem in Frankreich, sind für Viele kaum mehr finanzierbar. Keine andere Währung hat 2008 so stark an Wert verloren wie das britische Pfund. Im Verhältnis zum Euro erreichte das Pfund den niedrigsten Wert seit der Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung 1999.

Bauern und Fremdenverkehr profitieren

Das internationale Vertrauen in den ehemaligen Stolz der Briten ist schwer erschüttert. Der britische Immobilienmarkt ist fast völlig zum Erliegen gekommen, die Neuverschuldung des Staates hat ein Rekordniveau erreicht und der Leitzins ist auf einem historischen Tiefstand. Dass britische Produkte nun billiger zu haben sind, ist für die Wirtschaft des Landes kaum ein Trost. Großbritannien ist kein klassisches Exportland. Immerhin rechnet der Tourismusverband in diesem Jahr mit deutlich mehr Besuchern auf der Insel. Und die Bauern freuen sich über höhere Subventionen. Denn die werden in Euro ausgezahlt.

Den Abschied vom Pfund und die Einführung des Euro lehnen nach wie vor Dreiviertel aller Briten ab. Für sie ist der Euro immer noch die verlachte „Toiletten-Währung“. Ohnehin ist die Abkehr vom Pfund illusorisch. Bei der geplanten Rekord-Neuverschuldung von 118 Milliarden Pfund würde Großbritannien die Euro-Defizitkriterien ohnehin nicht erfüllen. Dennoch: “Immer mehr rationale Gründe sprechen für einen Euro-Beitritt. Man muss die britische Öffentlichkeit überzeugen”, fordert der Ökonom Will Hutton. Nach der Äußerung von EU-Kommissionspräsident Barroso, Großbritannien sei so nah an der Euro-Einführung wie nie zuvor, ist das Thema Euro-Einführung in Großbritannien immerhin kein Tabu mehr.

Im Augenblick aber bleibt wohl nur die Hoffnung auf die Rückkehr zum alten Glanz der traditionsreichen Währung. Die entsprechenden Münzen sind bereits im vergangenen Sommer geprägt worden. Die sechs neuen Geldstücke sind allesamt silbern und ergeben zusammengelegt das britische Königswappen. Ob das allerdings genügt, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, ist fraglich. Immerhin ist es aber etwas Balsam für den erschütterten Stolz der Briten. – Paul Schilling

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