Kino, Kakophonie und finnische Vögel – Leif Segerstam dirigiert das Beethovenorchester
Mai 10, 2010 von admin
Er sieht aus, wie eine Mischung aus Bergkönig und Johannes Brahms. Klein, rund, langes weißes Haar und Rauschebart. Mit kleinen, beherzten Schritten betritt Leif Segerstam die Bühne und erklimmt das Dirigentenpult. Es ist still in der Bonner Beethovenhalle. Gerade will der Finne den Dirigentenstab heben, da erklingt aus dem Foyer unerwartet das blecherne Pausensignal – ein paar abgerissene Takte einer Beethoven-Symphonie.
Foto: Leif Segerstam, Foto Maarit Kytöharju / Fimic
Die kleine technische Panne beschert dem Publikum beim 7. Freitagskonzert den spontanen Hinweis des Dirigenten darauf, dass auch beim folgenden „Cantus Arcticus“ des Finnen Einojuhanni Rautavaara mit einigen Überraschungen zu rechnen sei. „Da spielen sogar Vögel mit“. Und mit großer Geste legt Segerstam seine Hand aufs Herz und öffnet dann beide Arme einladend und kraftvoll: Der Willkommensgruß zu einem Flug durch den Kosmos finnischer Musik.
Ein akustisches Biotop
Der musikalische Flug hebt an mit irisierenden Flötenklängen in die sich sanft das Gezwitscher und Gezirpe von Vögeln mischt. Wir sind mitten in einem musikalischen Naturschauspiel, das ein wenig an Hollywood-Kino erinnert. Nur viel tiefer, differenzierter - und schöner. Denn der Musik mangeln nicht die Bilder. Vielmehr strukturieren die Vogelstimmen die Orchestermusik. Die über weite Strecken archaische Ruhe, die die Spannung zwischen harmoniegesättigten Harmoniebögen und der Parallführung von Quart- und Quintintervallen erzeugt, verwandelt den Konzertsaal in ein akustisches Biotop. So programmatisch „Cantus Arcticus“ mit den Satzbezeichnungen „Sumpf“, „Melancholie“ und „Schwanenflug“ auch daherkommt, illustrativ ist das Werk in seiner atmosphärischen Dichte dennoch nicht.
Foto: Paul Schilling schreibt und schwärmt für Rhein-Onliner
Wollte man Vorurteile pflegen, dann könnte man sagen, dass es eine „typisch finnische Komposition“ ist, die Landschaft und Natur zum Thema macht. Angesichts der eher dürftigen Kenntnisse der finnischen Musiklandschaft hierzulande, die sich meist auf den zum Nationalhelden avancierten Jean Sibelius beschränkt, ist das nicht überraschend.
Hommage an Sibelius?
Leif Segerstam ist ein lebendes Kraftwerk von unglaublicher Produktivität. Über 200 Sinfonien, über 100 Kammermusikwerke zählt sein Werkverzeichnis bis heute. Die Uraufführung seiner Sinfonie Nr. 195 „Yes, Pray…: light: Si, Be, ljus…“ deutet im Titel bereits den Bezug zum musikalischen Übervater Sibelius an. Neben 2 Harfen, Schlagzeug und Blechbläsern ist das Beethoven Orchester zudem um 2 Klaviere erweitert. Ein mächtiger Klangkörper, den Segerstam, an einem der beiden Flügel sitzend, furios entfesselt. Kein experimentelles Werk, keine akustische Zumutung, sondern ein transparenter, elegischer Klangteppich, den der Finne in der gut besuchten Beethovenhalle ausbreitet. Dabei zieht er nichtsdestotrotz so ziemlich alle Register moderner Symphonik. Obwohl das Publikum Komponist, Werk und Orchester starken Beifall zollt, bleiben nach der Pause zahlreiche Sitze leer.
Schwanenlied
Kein finnischer Konzertabend ohne Sibelius. Und diesmal zu Recht. Sibelius 5. Sinfonie in heldenhaftem Es-Dur am Ende des Abends bildete gewissermaßen die akustische und musikhistorische Klammer zu den zuvor gespielten zeitgenössischen Werken. Nicht nur, weil ihr das so häufig zitierte Schwanenerlebnis Sibelius‘ zugrunde liegt. Vor allem legte die 5. Sinfonie einige der kompositorischen und klanglichen Wurzeln frei, aus denen sowohl Rautavaaras „Cantus Arcticus“, als auch Segerstams Sinfonie Nr. 195 stammen. In dieser Hinsicht war die Programmgestaltung auch konzeptionell sehr durchdacht.
Das Beethovenorchester unter der klaren, fast schlichten Leitung Leif Segerstams, zeigte sich in Höchstform. Besonders die Bläsergruppen, die in allen drei Stücken eine zentrale Rolle übernahmen, überzeugten durch Geschlossenheit und klaren, sauberen Klang.
Übrigens: Wer mehr finnische Musik hören möchte, findet auf der Seite der Deutschen Jean Sibelius Gesellschaft ausführliche Informationen über aktuelle und zukünftige Aufführungstermine. Dort auch weitere Infos zur zeitgenössischen finnischen Musik. - Paul Schilling
Einojuhanni Rautavaaras „Cantus Arcticus“ auf YouTube:
http://www.youtube.com/watch?v=auW10aD0kYo&feature=related (Teil 1)
http://www.youtube.com/watch?v=lxsw1w6O1xk&feature=related (Teil 2)
Leif Segerstams Sinfonie Nr. 151 auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=hJNn1qGGoYU























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