Lesezeichen: „Rolling Independence“ - Die neue amerikanische Unabhängigkeit
Februar 15, 2009 von admin
Vier Räder und ein Dach über dem Kopf - Amerika macht mobil - Über 250 Meilen sind es von Phoenix im US-Bundesstaat Arizona bis nach Peach Springs. Es ist eine karge Landschaft, Stein- und Sandwüste, kaum Häuser, endlose Weiten, staubige Straßen. Erst nach über drei Stunden tauchen am Horizont die Umrisse des Grand Canyon auf.
Ich biege auf die legendäre Route 66 Richtung Westen ab und erreiche Peach Springs in der gleißenden Mittagshitze. Hier in Peach Springs betreibt Joe Prescott zusammen mit seiner Frau Nora eine kleine Autowerkstatt, unmittelbar an der Route 66. Lange liefen die Geschäfte nicht gut, erzählt er, aber es reichte immerhin, um sich über Wasser zu halten. Als vor acht Jahren ein Nachbar kam und fragte, ob Joe ihm aus seinem alten Pickup eine Art Wohnmobil zusammenbasteln könne, war das für ihn eine Gelegenheit sich ein paar Dollar extra zu verdienen. Joe ist in der Gegend als Tüftler bekannt, der es fertigbringt, aus einem Schrotthaufen einen fahrbaren Untersatz zusammenzuschweißen.

Foto oben: John Steinbeck nannte sie “motherroad”, Henry Miller eine “Schlange die in den Himmel führt”. Unsterblich wurde sie, als sie Nat King Cole im Song “Get your kicks on Route 66″ verklärte.
OTRAC - On the Road again
„Als mein Nachbar nach vier Wochen wiederkam, um seinen umgebauten Pickup abzuholen, war er ganz begeistert und meinte, dass er einen Haufen Leute kenne, die auch Interesse an einem solchen Wohnmobil hätten. Und von da an stand das Telefon nicht mehr still.“ Er gab seiner Werkstatt einen neuen Namen – „On the Road again Corp.“, kurz „OTRAC“ und baute im Lauf der folgenden Jahre über 50 Minicamper. „Das sind keine richtigen Wohnmobile. Aber sie bieten Platz für zwei bis drei Personen und man ist halt unabhängig damit“, erklärt Joe stolz. Vor allem aber sind Joes Minicamper erschwinglich. Während auf dem Riesenmarkt der Wohnmobile je nach Ausstattung und Größe Preise zwischen 50.000 und 500.000 Dollar gezahlt werden, bekommt man Joes Standardmodell „Rolling Independence“ für gerade einmal 10.000 Dollar.
18 Millionen Dollar und ein Whiskey
Das allein wäre eine schöne Geschichte, wenn es nicht die Immobilien- und Finanzkrise gegeben hätte. „Dass die Immobilienkrise, die auch viele unserer Freunde so bitter getroffen hat, für uns zu einem echten Glücksfall geworden ist, das kam natürlich ganz unerwartet.“ Nora Prescott sagt das mit glänzenden Augen und blickt ihren Mann an. „Ja“, sagt der, „Wir haben auch Obama gewählt, obwohl wir eigentlich eingefleischte Republikaner sind, wie fast alle hier in der Gegend. Aber nach dem Desaster, das Bush hinterlassen hat, haben wir uns gesagt: Es muss sich was ändern!“
Dann erzählt Joe von dem Anruf aus Washington. „Zuerst habe ich gedacht, es sei einer dieser Scherzanrufe von irgendeiner Radiostation. Aber als der Mann sagte, dass man im Rahmen des staatlichen Finanzpaketes plane, den Opfern der Immobilienkrise zu helfen, wurde ich doch stutzig.“ Zwei Tage später saß er mit Lars Beckett aus dem Finanzministerium im „Canyon Inn“, gleich um die Ecke, zusammen. Beckett erzählte ihm, dass die Regierung plane, die Menschen, die ihre Häuser verloren hätten, mit preiswerten mobilen Unterkünften zu versorgen. Der Minicamper, den Joe anbiete, sei dafür genau das Richtige. „Die Leute sitzen zwar immer noch auf der Straße, aber sie haben wenigstens ein Dach auf dem Kopf.“ Gedacht sei an eine Investitionssumme von 18 Millionen Dollar.

Foto oben: “Shortly after leaving Grand Canyon Caverns you enter the Hualpai Indian Reservation. About 12 miles down the road there’s a steep downgrade that leads to the Route 66 town of Peach Springs. Peach Springs got its name from the peach trees found growing by the spring here. Because the steam locomotives used water from the spring a water tank and station were built by the railroad here. A town grew up around the station and by 1883 it was said to have ten saloons but no schools or churches.”
„Ich wollte gerade in mein Sandwich beißen, aber als ich die Summe hörte, brauchte ich erst mal einen Whiskey!“ Joe Prescott lacht. Noch am selben Nachmittag wurde das Geschäft per Handschlag besiegelt. Seitdem herrscht Goldgräberstimmung in Peach Springs. Der „Rolling Independence“, ein Fahrzeug, das zwar keine Extras, dafür aber uneingeschränkte Mobilität bietet, findet reißenden Absatz. Ausgestattet mit einer serienmäßigen Vierradbereifung, einem robusten Achsensystem sowie einer zentralen Lenkeinheit, bietet der „Rolling Independence“ alles, um unabhängig und mobil zu sein.
Kaffee für die Bonzen
Während landesweit ganze Straßenzüge von der Immobilienkrise gezeichnet sind – leerstehende, heruntergekommene und teilweise geplünderte Häuser in ehemals attraktiven Wohngegenden – blüht das kleine Peach Springs auf. In dem ehemals verschlafenen Nest mitten im Hualapai Indianer-Reservat am Rande der Route 66 sind innerhalb weniger Wochen über 400 neue Arbeitsplätze entstanden. Und ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. Joe Prescott verhandelt bereits mit europäischen und asiatischen Autoherstellern. Das Interesse sei groß. „Unabhängigkeit ist gerade in diesen schweren Zeiten gefragt.“ Wenn sie dann auch noch vier Räder hat, wird die Versuchung die Wohnung zu kündigen oder das Haus zu verkaufen schnell unwiderstehlich.
Dass die US-Regierung bei Joe Prescott und nicht bei den großen Automobilherstellern des Landes angeklopft hat, erklärt Lars Beckett vom Finanzministerium auf Nachfrage so: „Wir vertrauen Joe. Statt Arbeitsplätze zu vernichten, hat er mit seinem „Rolling Independence“ etwas entwickelt, das Arbeitsplätze schafft. Außerdem kocht seine Frau Nora einen hervorragenden Kaffee. Alles Dinge, die man bei den großen Autobossen vergeblich sucht.“ Mittlerweile ist der „Rolling Independence“ landesweit zu einem Symbol für Aufbruch, Wandel und Erneuerung geworden. „Wenn Du Deinen Arbeitsplatz verloren hast und in eine andere Stadt ziehen musst, um wieder Beschäftigung zu finden, hast Du Dein Haus immer dabei. Das spart hohe Mietkosten“ schwärmt Joe.
Während wir in seinem kleinen Büro sitzen und Nora von ihrem hervorragenden Kaffee nachschenkt, klingelt das Telefon. Es ist Lars Beckett aus Washington, mittlerweile sind er und Joe echte Freunde geworden. Lars lädt Joe Prescott in die Hauptstadt ein, um einen Vortrag vor Managern der Automobilindustrie zu halten. „Was soll ich in Washington, Lars?“ antwortet Joe und schüttelt den Kopf. „Schick‘ die Jungs hier rüber, dann bekommen sie endlich mal ‘nen anständigen Kaffee zu trinken!“ sagt er und lacht. Lars ist einverstanden. „Nächste Woche werden die Bonzen wohl etwas Staub schlucken. Denn davon gibt’s hier ‘ne ganze Menge.“ Er legt auf und verschränkt die Arme. „Hier ist eine neue Zeit angebrochen. Und wir sind dabei!“
Auf der Rückfahrt kommen mir zahllose Minivans der Marke „Rolling Independence“ entgegen. Ohne Zweifel: Das Heer der Heimatlosen auf vier Rädern wächst. Und die Wüste lebt. – Paul Schilling

























Ein gutes Beispiel dafür, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Wo die meisten so routiniert von der Krise jammern, da zeigen sich andere innovativ und machen mit ein bisschen Geschick und Hartnäckigkeit ein gutes Geschäft. Was der Artikel aber auch zeigt: Den Großen, den Konzernen und Bonzen, denen vertraut noch nicht einmal mehr die Regierung. Die Stunde des kleinen Mannes hat geschlagen, machen wir was draus!