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Lesezeichen: 1968 - Die Inflation der Geschichte, Teil III - Haare!

April 20, 2008 von admin 

Frank Zappa1968 waren meine Haare genauso kurz wie meine Lederhosen. Damit lag ich durchaus im Trend meines Jahrgangs. Um mich herum aber war die Welt weder folkloristisch noch brav. Um mich herum wuchsen die Haare. Und vor allem wuchs die Zahl derjenigen, die bald als “Hippies”, “Gammler” oder einfach nur als “Langhaarige” verschrien wurden. Und so glichen sich die Sprüche der Eltern in ihrer Empörung, verlogenen Scham und sozialen Befangenheit, wenn es hieß: “Du siehst ja aus wie ein Mädchen!” Kaum etwas anderes konnte wohl die erwachende Männlichkeit der Heranwachsenden mehr und persönlicher verletzen und ihren Trotz und Widerstand herausfordern, als der Versuch, das sichtbarste Attribut ihrer Abgrenzung von bürgerlicher Wohlanständigkeit, ihre Haare, als mädchenhaft zu diffamieren. So wuchsen mit wachsender Kritik am und wachsender Distanz zum Elternhaus auch die Haare.Musical Hair Und so bestimmten die Jugendlichen mit ihren Mähnen und Matten zunehmend das Kleinstadtbild. Und das Bild draußen und im Fernsehen und in der Welt. Wer “in” sein, wer seine politische, seine soziale Haltung zum Ausdruck bringen wollte, der brauchte nicht viel mehr zu tun, als seine Haare wachsen zu lassen - dabei wusste er die Zeit auf seiner Seite. Das Musical “Hair” traf mit der Deutschlandpremiere 1968 in München denn auch genau die Stimmung und den Nerv der Zeit. Die Mode einer Generation war auf der Bühne angekommen. Aber vielleicht war auch schon die Welt selbst zur Bühne geworden. Voller Träume, Widerstände und Haare.

Vielleicht, denke ich heute, war das inflationäre Wachstum der Haare, das bereits Mitte der 60er Jahre langsam, aber ungebremst, oder muss es heißen: ungeschnitten, einsetzte, auch ein rein biologischer Ausdruck des Generationswechsels, der sich damals so sichtbar vollzog. Junge Menschen haben nun einfach mal mehr auf dem Kopf, als ihre Väter. Bereits die Pilzkopffrisuren, die in den frühen 60ern wuchsen, schienen zu signalisieren: hier wächst was, während bei Euch nur alles grau und schütter und kahl wird! Auch wenn oben nichts mehr nachkam, wollten die Alten nicht ganz nachstehen. Also züchteten sie die Koteletten. Eine Haartracht, die eigentlich mehr eine Haarwucherung ist und auf der Skala der Geschmacklosigkeiten gleich hinter dem Minipli und der Vorne-lang-hinten-kurz-Frisur, der sogenannten Vokuhila (die uns in den 80er Jahren dann auch nicht erspart blieb) rangiert.

Günter Netzer Im Gegensatz zur aufkommenden Langhaarfrisur bei den Männern, die als Protest und “modischer” Ausdruck politischen Widerstands verstanden werden wollte, entsprachen Koteletten durchaus noch der “political correctness”. (Ein Begriff, den es damals glücklicherweise noch nicht gab, eben weil diese Art heuchlerischer Haltung noch unbekannt war.) Wer sich also noch für jung und fortschrittlich hielt, ohne dabei mit den Zielen der 68er auch nur irgendwie einverstanden zu sein, verschob den Besuch beim Friseur öfter mal und zeigte sein Haupthaar stolz und gepflegt. Das war dann wohl schon in den 70ern, in denen plötzlich selbst ehemals eingefleischte CDU-Wähler mit Koteletten und Günter-Netzer-Frisur einen optimistischen Linksschwenk vollführten.

Uschi Glas Die langen Haare der Männer waren nicht unbedingt ungepflegt. Verwegen aber waren sie in jedem Fall. Beim Haar der Frauen gab es neben einem ungehemmten Wachstum auch zahllose Versuche, ein historisches Schönheitsideal gnadenlos der Schere zu opfern. Die Motive, die für die weiblichen Kurzhaarfrisuren verantwortlich waren, lagen für mich damals ebenso im Dunkeln, wie die Gründe für ihr hemmungsloses Wachstum. Die Frage “Warum?” existierte im Hinblick auf die Haare junger Frauen in meiner Welt überhaupt nicht. Was existierte, was präsent war und was mich anzog, war allein das, was ich sah: dunkle, glatte Kurzhaarfrisuren, die die Gesichter junger Mädchen einrahmten oder langes Haar, das über die Schultern fiel, den Rücken hinunter, lang und selbstbewusst. Da gab es welche, die sich mit Freunden auf den Bänken oder der Wiese vor der Kirche trafen, die Zigarette lässig zwischen den Fingern haltend, mit einem Blick, der zugleich verträumt, unschuldig und verwegen war. Ich hatte noch keine Worte, geschweige denn Begriffe für das, was ich sah und was mich faszinierte und anzog.

Nächste Woche: Teil IV - Der gute Rausch

Lesen Sie auch:
Teil I - Flimmern und Rauschen
Teil II - Die Rillen der Revolution
Teil III - Haare!
Teil IV - Der gute Rausch
Teil V - Zur Sache Schätzchen!
Teil VI - Odyssee im Kino
Teil VII - Theorie & Tohuwabohu
Teil VIII - In Boots nach Summerhill

p.s. textwerk-online.de
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Kommentare

2 Kommentare zu “Lesezeichen: 1968 - Die Inflation der Geschichte, Teil III - Haare!”

  1. Peter Hurrelmann am April 22nd, 2008 13:30

    ich fühle mich doch direkt wieder wie 18. Mit langen Haaren, Cordjeans und Cordjacke gegen das Establishment. Laute Musik vom Uher Royal de Luxe, Moped und Freiheit ohne Ende.
    Wo seid ihr 68er geblieben??? Was ist aus uns geworden???

  2. Paul Schilling am April 24th, 2008 23:02

    Es freut mich, dass die Kolumne offenbar eine verjüngende Wirkung hat! Auch wenn der Anti-Aging-Effekt nur bis zum nächsten Blick in den Spiegel anhält: zuversichtlich bleiben! Ich arbeite bereits an einer stärkeren Dosis (mit Depotwirkung). In Folge V. gehts unter dem Titel “Zur Sache Schätzchen!” um Kolle, Sex und Pille. Auch um daran zu erinnern, die wichtigen Dinge im Leben nicht zu kurz kommen zu lassen. Also online bleiben! Herzliche Grüße - Paul Schilling





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