Lesezeichen: Die Inflation der Geschichte, Teil X. Raubtier und GefÀhrte: time is fading
Juni 22, 2008 von admin
âJemand hat mir mal gesagt, die Zeit wĂŒrde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser GefĂ€hrte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genieĂen, denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben. Denn letztlich sind wir alle nur sterblich.” Jean-Luc Picard

Ein RĂŒckblick? Was ist das?
Bleibâ stehen, halt kurz inne, wenn Du zurĂŒckblickst! Wenn Du den Kopf weit ĂŒber die Schulter drehst, gerĂ€t die Gegenwart aus dem Blick. Und fĂŒr einen kurzen Augenblick wird die Vergangenheit wieder zur Zukunft, einer schon gelebten allerdings, und ihr hĂ€ngt das Senkblei alles Vergangenen an: die Wehmut. Da war ich, da bin ich gewesen. Von dort bin ich losgegangen. Die Zukunft - âWas hatten wir nicht alles fĂŒr PlĂ€ne!â, âAlles war möglich!â, âWir wollten die Welt verĂ€ndernâ (und was der Klischees mehr sind) â die Zukunft ist vorbei. FĂŒr viele lebt sie tatsĂ€chlich nur noch in der Erinnerung, in Seufzern Ă la âWeiĂt Du noch?!â oder âAch ja, damals!â mit einer langen versunkenen Stille nach dem Komma. Und die Stille ist das Paradies, von dem wir wissen, dass uns niemand daraus vertreiben kann.
Aber was ist geblieben? AuĂer der Erinnerung? Besser: was ist geworden, was hatte Bestand, was hat verĂ€ndert? Wer prĂ€gt was? PrĂ€gen wir die Zeit oder prĂ€gt sie uns? Was ist nicht alles in die 68er hineingelegt, hineininterpretiert worden, welche Heldentaten, welche Epochegedanken? Das BedĂŒrfnis uns zu verewigen, zumindest zu bleiben, treibt uns vielfach dazu die erlebte Zeit zu eigener Zeit, zu unserer Zeit zu machen, sie zu einem Besitz zu erklĂ€ren, zu unserem Besitz zu erklĂ€ren und uns damit, auf menschlich-unzulĂ€ngliche Weise, zu verewigen. Die Wahrheit ist trivialer. Eine verklĂ€rte Vergangenheit ist das Futter der Gegenwart und der Motor selbstbehauptender Zuversicht. Was nicht zur Zuversicht, was nicht zur Selbstvergewisserung taugt, das landet im Archiv des Vergessens. Nur in der Erinnerung sonnen wir uns im Bewusstsein: das haben wir gelebt, das nimmt uns niemand mehr weg!
Heute, wo die Kinder der 68er ihre Eltern mit einer Mischung aus UnverstÀndnis und Fassungslosigkeit betrachten, heute, wo die Kinder der 68er zwischen den K.O.-SchlÀgen des Kapitalismus (Arbeitslosigkeit), den sozialen Verwerfungen einer freien Gesellschaft (Scheidung und Patchwork) und den Verlockungen des ebenso schnellen wie kurzen medialen Erfolges (DSDS) hin- und hergerissen werden, entwickelt sich ein neuer Pragmatismus, der vor allem eines ist: unpolitisch. Als Vorbild, als Orientierung taugen die 68er schon lange nicht mehr. Wohl aber als Kultobjekt.
Die 68er erleben ein Revival auf T-Shirts, als Coverversionen in Mode, Design und Medien, als nett verpacktes HĂ€ppchen im Feuilleton oder in Kulturmagazinen. Hip, wild und vor allem: vergangen.
Nein, mir fehlen die 68er nicht. Mir fehlen weder die Hippies noch die Kommunarden, nicht die Apo und auch nicht die ideologielastigen Diskussionen von begnadeten Rednern, die doch niemand verstand. Fehlt mir vielleicht die Single, die damals noch keine Lebensform, sondern einfach nur eine kleine Schallplatte war, fehlen mir die Schlachten im Bonner Bundestag zwischen StrauĂ und Schmidt und Wehner und Brand und Dregger? Fehlt mir das rituelle Samstagabendbad mit Schaum und Quietscheente und der anschlieĂende Fernsehshow âEiner wird gewinnenâ mit Hans Joachim Kulenkampff? Nein, all das fehlt mir nicht. Wie auch? Das alles gehört doch unverbrĂŒchlich zum Archiv der Erinnerung.
Trotzdem, Hellmut âLederstrumpfâ Langes Sendung âKennen Sie Kino?â, die könnte doch noch mal wiederholt werden.
Lesen Sie auch:
Teil I - Flimmern und Rauschen
Teil II - Die Rillen der Revolution
Teil III - Haare!
Teil IV - Der gute Rausch
Teil V - Zur Sache SchÀtzchen!
Teil VI - Odyssee im Kino
Teil VII - Theorie & Tohuwabohu
Teil VIII - In Boots nach Summerhill
Teil IX - The doors of perception
p.s. textwerk-online.de
























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