Lesezeichen: 1968 - Inflation der Geschichte, Teil I - Flimmern und Rauschen
April 4, 2008 von admin
Auch 40 Jahre danach hat 1968 nichts von seinem Mythos verloren. Ich selber bin zwar weder für Ho-Chi-Minh noch gegen die Notstandsgesetze auf die Straße gegangen. Dafür war ich damals zu jung. 1968 steht darum für mich auch weniger als festes Datum der Zeitgeschichte, sondern vielmehr als Symbol oder auch nur als Etikett einer Entwicklung, die bereits Jahre zuvor begonnen hatte und weit in die 70er Jahre hineinreichen sollte. “1968″ das ist für mich die Inflation der Geschichte, eine wilde Achterbahnfahrt, kaum überschaubar, plakatiert als “Revolte”, als “Kampf” als “Revolution” gar. Die bewegenden Ereignisse und Veränderungen, die - die 68er - brachten, habe ich als Kind erlebt. Wenn ich zurückschaue, finde ich vor allem die Erinnerung an die Atmosphäre dieser Zeit wieder. Eine Atmosphäre von Umbruch, Aufbruch und Widerstand. Gleichzeitig ist es auch die Erinnerung an eine Zeit großer Idole aber auch ebenso großer Ernüchterung. Ein subjektiver, ein persönlicher Blick zurück, auf eine Zeit, die wohl an niemandem spurlos vorbeigegangen ist.
I. Flimmern und Rauschen
Ich war sechs Jahre alt, als am 4. April 1968 die tödlichen Schüsse auf Martin Luther King in Memphis fielen. Ich sah die Bilder im Fernsehen. Genauso, wie ich die Bilder vom Kampf der Amerikaner gegen die Vietcong in Saigon sah, die Bilder des französischen Generalstreiks und die Besetzung der Sorbonne in Paris, die Bilder von der Wahl Richard Nixons zum 37. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Ich sah die Bilder ohne sie zu verstehen. Stattdessen verarbeitete ich meine Eindrücke, wie wohl die meisten meiner Generation, in Kriegs- und Gangsterspielen. Auch wir töteten uns gegenseitig täglich mehrmals und brachial in dem kleinen Wäldchen hinter unserem Haus bis wir zum Abendessen gerufen wurden.
Dann sah ich die faszinierenden Bilder der ersten bemannten Mondumkreisung durch Apollo 8, Aufnahmen vom Kontrollzentrum in Cape Canaveral, und ich baute mir aus alten Waschpulverkartons eine eigene Rakete, robust genug, mich sechs Wochen lang in ferne Umlaufbahnen zu träumen.
Im Fernsehen sah ich auch die Bilder von den Olympischen Spielen in Mexiko und Bob Beamons Weltrekord im Weitsprung: achtmeterneunzig! Allabendlich flimmerte während des Essens bei Milch und Schnittchen der Fernseher und nichts zog mich magischer an, als diese Bilder. Abend für Abend. Das war 1968. In schwarz-weiß. Wäre ich zehn oder auch nur fünf Jahre älter gewesen, ich hätte eine Vorstellung davon entwickeln können, was da um mich herum passierte, hätte es zumindest vage einordnen können. Vielleicht aber auch nicht.
Heute weiß ich, dass selbst viele Erwachsene damals mit den Ereignissen überfordert waren, sie nicht einordnen konnten, nicht begriffen, was das, was da draußen passierte, bedeutete. Und was in ihre halbwüchsigen Kinder gefahren war, die mit immer längeren Haaren am Tisch saßen, “Hippie-Musik” hörten und Ho-Chi-Minh-Parolen rufend auf die Straße gingen und demonstrierten, das begriffen sie noch weniger.
Meine Erinnerungen an das Jahr 1968 sind untrennbar mit dem Fernsehen verbunden. Und eigentlich beginnen sie bereits ein Jahr zuvor.
Das Staatsbegräbnis Konrad Adenauers wurde im Fernsehen übertragen. Unser Gerät war in einem Kommodenähnlichen Schränkchen hinter einer abschließbaren Falttüre verborgen und gesichert. An diesem besonderen Tag wurde es bereits am Vormittag geöffnet. Die Eurovisionsmelodie erklang. Und weil ich sie an diesem Tag das erste Mal bewusst hörte, blieb sie für mich immer verbunden mit dem Gefühl von Festlichkeit, Trauer, Abschied und Tod. Ich glaube, schon damals habe ich bei den Fanfarenklängen weinen müssen. Ich hockte da und verfolgte fasziniert die stille und zugleich pompöse Prozession der Trauergäste. Die Überführung des Sarges von Köln nach Rhöndorf begleitet von einer NATO-Flottille machte einen tiefen Eindruck auf mich. Dass wir uns mitten im Kalten Krieg befanden, das wusste ich damals natürlich noch nicht.
Im gleichen Jahr, also 1967, fand auch der Besuch des Persischen Königs Reza Pahlewi und seiner Frau Soraya in Berlin statt. Ein Ereignis von nationalem Interesse. Und ein Fest für die Boulevardzeitungen und Hochglanzmagazine. Ein Fest, das man sich auch nicht durch die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg verderben ließ, während die Staatsgäste in der Deutschen Oper die “Zauberflöte” hörten. Eigentlich begann 1968 schon damals.
Während ich im Fernsehen die ersten Folgen von “Lassie” sah und Roy Black von den Lesern der “Bravo” zum beliebtesten Sänger des Jahres gewählt wurde, herrschten in einigen Ländern Europas, wie Spanien, Portugal und Griechenland, noch Diktatoren. Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir auf die Postkarten, die wir vom Urlaub in Spanien aus nach Deutschland schickten, Briefmarken mit dem Porträt von General Franco, el Caudillo, klebten.
Nächste Woche: Teil II - Die Rillen der Revolution
Lesen Sie auch:
Teil I - Flimmern und Rauschen
Teil II - Die Rillen der Revolution
Teil III - Haare!
Teil IV - Der gute Rausch
Teil V - Zur Sache Schätzchen!
Teil VI - Odyssee im Kino
Teil VII - Theorie & Tohuwabohu
Teil VIII - In Boots nach Summerhill
p.s. textwerk-online.de
























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