Lesezeichen: Amoklauf - Peinliche Ermittlungspanne und blamable Falschmeldungen
März 13, 2009 von admin
Ungeprüft hatten gestern zahlreiche Agenturen und Nachrichtenmedien die Mitteilung verbreitet, dass der Amokläufer von Winnenden seine Tat in einem Internetforum angekündigt hätte. Twitter entlarvte den Eintrag im Netz als Fake.
Abb.: twitter
Gestern (12.März) hatte der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech erklärt, dass Amokläufer Tim K. seine Tat in einem Internet-Forum angekündigt habe. Der Politiker präsentierte nicht nur den gesamten Text, sondern auch einen „Screenshot“, also eine Kopie des angeblichen Eintrags. Darin hieß es unter anderem: “Ich werde morgen früh an meine Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen.” Auch die Staatsanwaltschaft hielt die Ankündigung aus dem Forum mit dem Namen “Krautchan” für authentisch. Daraufhin verbreiteten die Agenturen Eilmeldungen, die in alle Welt gingen und von den meisten deutschen Nachrichtenmedien übernommen wurden. Trotz einiger Zweifel und mancher kritischen Frage, war der Druck, keine News zu verpassen, offenbar größer, als die gebotene Sorgfaltspflicht.
“Scheinbar ist recherchieren heutzutage uncool”
Anders als bei den meisten Journalisten, waren die weberfahrenen Nutzer von Twitter jedoch von Anfang an skeptisch. Dort weiß man, dass “Fakes”, also getürkte Informationen und Meldungen, nach solchen Taten im Web an der Tagesordnung sind. Noch bevor der “Krautchan”-Betreiber die Meldung dementierte, twitterte ein US-Nutzer: “NOT TRUE!” Er hatte die Pressekonferenz im Fernsehen verfolgt. Als der Name der Website fiel, wusste er sofort, dass es sich um einen Fake handelt. “Krautchan” ist der deutsche Ableger der amerikanischen Site “4Chan”, die dafür berüchtigt ist, Medien hereinzulegen und Fakes zu verbreiten.
Die Twitter-Gemeinschaft nahm die Nachricht sofort auf und kritisierte die etablierten Medien. Bereits um 14 Uhr, und damit Stunden bevor die Falschmeldung zurückgezogen wurde, postet DocMichi von “Krautchan”: “Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können.” Und dann: “Scheinbar ist recherchieren heutzutage uncool. Schlimm genug, bei Wikipedia abzuschreiben, aber hier? Grundgütiger.”
Was folgte war eine Mischung aus Kommentar (”Nichts als ein Fake, und alle schreiben mal wieder ab”), Häme (”Krautchan verarscht die gesamte deutsche Presse und die Polizei seit heute morgen. Das ist echt traurig.” Oder: “Twitter Qualitätsjournalisten doch überlegen”).
Neue Impulse für Recherche und Berichterstattung
Während im Twitter-Slang die Meldung längst als “gephotoshoppter Fake” gehandelt wurde, galt für die Mehrheit der Journalisten und Medien zu diesem Zeitpunkt noch immer die Version des baden-württembergischen Innenministers. Der Chefredakteur der “Berliner Morgenpost” gab unumwunden zu, dass “Twitter andere Medien und die Nachrichtenagenturen geschlagen und Impulse für Recherchen und die Berichterstattung geliefert” habe. Erst am Donnerstagabend korrigierte sich die Polizei. Innenminister Rech: “Irgendein Verrückter hat eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt.” Wen er damit meinte, ließ der Minister allerdings offen.
Die Vernetzung vieler Nutzer, das hat Twitter eindrücklich gezeigt, kann erstaunlich viel leisten und liefern. In diesem Fall nicht mehr und nicht weniger als die Wahrheit. - Paul Schilling
Linktipp: Zwischenruf: Amoklauf von Winnenden - Fassungslosigkeit, Trauer und Trost – Stimmen aus dem Netz
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