Lesezeichen: Auf der Suche nach Amerika
Januar 15, 2009 von admin
Wenn am kommenden Dienstag Barack Obamas als 44. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird, geht für viele Amerikaner ein Traum in Erfüllung. Ein Traum, der weit in die Anfänge der Vereinigten Staaten zurückreicht. Zum ersten Mal in der Geschichte der USA ist ein Afroamerikaner zum mächtigsten Mann des Landes gewählt worden.
Abb.: Wahlsiege (Blau) von Barack Obama nach US-Bundesstaaten
Bis weit in die 50er Jahre hinein gehörte die Rassentrennung zum amerikanischen Alltag. Als sich die Afroamerikanerin Rosa Parks 1955 weigert ihren Sitzplatz in einem Bus in Montgomery, Alabama für einen weißen Fahrgast zu räumen und dafür verhaftet wird, ist das der Beginn der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. 13 Monate lang boykottiert die afroamerikanische Bevölkerung das Busunternehmen.
Video: Martin Luther King - “I have a dream”
Anführer des Boykotts ist der bis dahin weitgehend unbekannte Prediger Martin Luther King. Er führt 1963 den legendären Marsch auf Washington an. Damals, als er seine berühmte Rede „I have a dream“ hielt, schien der Sieg der Bürgerrechtsbewegung ganz nah. Im kollektiven Bewusstsein Amerikas sind diese Bilder ihrer Geschichte unauslöschlich eingebrannt. Vor allem aber die Ermordung Kings 1968. In über 100 Städten kommt es zu Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten. Mit der Wahl von Douglas Wilder schließlich bekleidet erstmals ein Afroamerikaner einen Gouverneursposten – das ist 1989.
Fortschritte bei der Bildung
Doch Normalität sieht anders aus. Zwar ist der Anteil der Schwarzen an der amerikanischen Mittelschicht in den letzten 15 Jahren kontinuierlich gewachsen, aber die Arbeitslosigkeit unter der afroamerikanischen Bevölkerung liegt immer noch knapp doppelt so hoch wie bei den Weißen. Dennoch, in einigen wenigen Bereichen hat die schwarze Bevölkerung Amerikas deutliche Fortschritte erzielen können. Vor allem bei der Bildung. Weit über 80 Prozent aller Afroamerikaner über 25 besitzen einen Highschool-Abschluss. Als Barack Obama seinen Abschluss vor 30 Jahren machte, zählte er zu einer Minderheit von rund 30 Prozent.
Video: Barack Obama - “City of Blinding Lights”
Mit dem Einzug Obamas ins Weiße Haus geht für viele Amerikaner ein Traum in Erfüllung. Unvergesslich die Tränen, die Jesse Jackson, der selbst zweimal für das Amt des Präsidenten kandidierte, nach dem Sieg Obamas vergoss. Viele Amerikaner, nicht nur Schwarze, sehen die USA nun am Ende eines langen Weges.
Verliebt ins Gelingen
Vielleicht sind es Geschichten wie diese, Geschichten vom Möglichen, die Amerika für Viele immer noch und immer wieder zu einem Ort der Hoffnung macht. Geschichten von der Möglichkeit, dass am Ende des Weges sich all jene Hoffnungen erfüllen, die das Land verheißt. Kaum eine andere Nation lebt einen solch unermüdlichen Pioniergeist. Wo Andere Niederlagen sehen, erkennt der Amerikaner den Menschen mit Erfahrung. Während in Europa nicht kreditwürdig ist, wer einmal pleite gegangen ist, ist für den Amerikaner oft erst das die Qualifikation, die Vertrauen verdient. Einer der die Niederlage kennt, weil er sie erfahren hat und der wieder aufsteht, das ist ein Unternehmer.
Während hierzulande mit Vorliebe die Risiken, die Fallstricke und die Gefahren gesehen werden und die Angst zu Scheitern lähmt, ist der Amerikaner ins Gelingen verliebt. Er sieht die Chancen und die (unbegrenzten) Möglichkeiten.
Wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen
Von der Chance, der vielleicht letzten, die sich bietet, erzählt der atemberaubende Roman „Trans-Amerika“ von Tom McNab. Während die USA 1931 im tiefsten Sumpf der Depression steckten und eine landesweite Massenarbeitslosigkeit herrscht, sich Korruption und Kriminalität ausbreiten und der Staat gelähmt und hilflos ist, veranstaltet der windige Geschäftsmann Charles C. Flannagan einen Lauf der Superlative. Ein Marathon über 5062 Kilometer von Los Angeles über die Rocky Mountains, durch das Chicago Al Capones bis nach New York quer über den amerikanischen Kontinent, soll nicht nur Geld bringen, er soll auch ein Zeichen gegen Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit werden. Dem Sieger winken 150.000 Dollar. Ein Vermögen, eine gesicherte Existenz! Wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen.
Sich in der Herausforderung neu erfinden
Glücksucher und Verzweifelte treten an, aber auch Athleten aus aller Welt. Der Trans-Amerika-Lauf ist mehr als nur ein sportliches Ereignis. Tom McNab erzählt die Geschichte vom unbeugsamen Willen der Teilnehmer das schier Unmögliche zu schaffen. Hier sind keine Laufmaschinen am Start, sondern Menschen, die sich in der Herausforderung neu finden und erfinden, die die Kraft von Freundschaften entdecken und die mit dem Lauf ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen. Tom McNab erzählt die Geschichte des Trans-Amerika-Laufs auch als die Geschichte persönlicher Schicksale. Zu den Läufern gehören ein ehemaliger Gewerkschaftsführer, der vom FBI wegen Mordverdacht verfolgt wird, ein Sprinter aus den schottischen Kohlegruben, ein englischer Lord, der während des Laufs vom Verlust seines gesamten Vermögens erfährt, eine Mannschaft der Hitlerjugend, ein Mexikaner, der mit dem Preisgeld sein Dorf vor der Hungersnot retten will…
Parabel amerikanischen Pioniergeistes
Trans Amerika, das ist auch die Geschichte von „nation-building“, ein Roman, der an den Weg- und Straßenrändern von Amerika erzählt, vom Leben und von den Hoffnungen der einfachen Landbevölkerung, ein Roman, der 91 Tage dauert, während dessen der Leser atemlos die 520 Stunden reine Laufzeit hinter sich bringt und erschöpft, befreit und erneuert durchs Ziel läuft.
Das Buch bietet keine authentischen Parallelen zur heutigen Zeit, und doch liefert es mehr als manche politischen Reiseführer. Vor dem Hintergrund der schweren Depression vermittelt die Lektüre eine einzigartige Aufbruchstimmung, die ein Kraftakt ist und die uneingeschränkten Einsatz verlangt. Aber es scheint gerade dieser Kraftakt zu sein, die Herausforderung zu meistern, der das Buch auch zu einer Parabel des amerikanischen Pioniergeistes macht.
Immer wieder hat Amerika gezeigt, dass es sich neu erfinden kann. Die Vereidigung Barack Obamas am kommenden Dienstag gehört dazu. Sie wird mehr sein als das in vierjährigem Abstand wiederholte Ritual. Der 20. Januar ist im nationalen Selbstverständnis Amerikas ein Symbol ihrer Erneuerungskraft. – Paul Schilling
Literaturtipp: Tom McNab: Trans Amerika, Aufbau Verlag Berlin, 2008, 551 Seiten, ISBN: 978-3351032425
Und was ist IHRE Meinung?
Was erhoffen SIE sich von der US-Präsidentschaft Barack Obamas? Wo ist der deutsche Pioniergeist geblieben? Kann das neue Konjunkturprogramm in Deutschland ein Katalysator für eine positive Entwicklung sein? Kennen SIE Menschen in IHREM persönlichen Umfeld, die in der Krise positive Zeichen setzen? Schreiben Sie uns hier IHRE Kommentare oder mailen SIE uns IHRE eigenen Beiträge auf die redaktion@freiehonnefer.de























Lieber Paul, Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Gerade nach einem Heimaturlaub zurück in den USA, kann ich die unterschiedlichen Stimmungen in beiden Ländern, Deutschland und den USA, am eigenen Leibe spüren. Man sollte meinen, die Kalifornier klagen, da die Arbeitslosigkeit im Westküstenstaat mit 8,4 Prozent so hoch ist wie nie zuvor ist. Von Pessimismus und klagenden Worten jedoch keine Spur - die Leute blicken nach vorn, suchen Möglichkeiten in ökonomisch harten Zeiten und - beweisen Unternehmentum (siehe Huffington Post).
Ich teile diese Zuversicht! Jammern bringt niemanden weiter. In diesem Sinne, viel Erfolg für die freieHONNEFER! You rock!
Liebe Nina, es sind harte Zeiten, keine Frage. Und gerade in solchen Zeiten ist Jammern das falsche Rezept! (Wie eigentlich immer). Ich blicke mit einiger Bewunderung in die USA, wo die Menschen sich bessere Zustände wünschen - und dafür kämpfen. Mit Unternehmergeist, Ideen, gegenseitiger Hilfe und der scheinbar ungebrochenen Zuversicht, die Krise zu bewältigen und gestärkt aus ihr hervorzugehen. Ich bin immer neugierig von den einfachen Geschichten zu hören und zu lesen, die vom alltäglichen Pioniergeist, Mut und Erfindungsreichtum der Amerikaner erzählen. Schließlich können sie auch hierzulande Mut und Zuversicht verbreiten. In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Erfolg und uns weiterhin viele spannende Geschichten von Dir aus den USA. Grüße nach L.A., Paul