Lesezeichen: Carla und Carlito – Vom Glück ein Franzose zu sein
Januar 6, 2009 von admin
Sie waren schon immer etwas respektloser, und für ihren selbstbewussten, unerschrockenen Umgang mit den Mächtigen beneiden wir Deutschen unsere französischen Nachbarn. Es waren vor allem die Geschichten von Asterix und Obelix die uns ihren lässigen und hemdsärmeligen Patriotismus ans Herz haben wachsen lassen. Nun haben die Franzosen, deren große Liebe und Leidenschaft seit Jahrzehnten dem Comic gilt, zwei neue Helden: Carla und Carlito.
Mit dem Einzug von Carla Bruni in den Élysée-Palast kam nach Jahren biederer Paarungen endlich wieder jener Glanz in die Pariser Regierungszentrale, den die Franzosen so sehr lieben. Dass dabei die gebürtige Italienerin Bruni und nicht ihr Mann Nicola das Sagen im Palast haben soll, wie das moderne Comic-Märchen von Carla und Carlito ( was soviel heißt wie „kleine Carla“) erzählt, überrascht nur wenige Franzosen. Der kleine hyperaktive Nicola (gerne auch als „le petit Nick“ tituliert – auch das eine Comic-Figur) neben der kapriziösen Carla Bruni, die soviel Boulevard in den Élysée-Palast bringt, dass sich die französischen Magazine und Zeitschriften mit ihren Titelstorys gegenseitig überbieten - das ist eine Mischung, wie gemacht für einen absatzstarken Comic. Perfekt und pikant wird das Ganze aber erst dadurch, dass einer der Verfasser, Philippe Cohen, zugleich einer der bekanntesten investigativen Journalisten Frankreichs ist. Zusammen mit seinem Kollegen Richard Malka und dem genialen Zeichner Riss hat er nach dem erfolgreichen Comic über Sarcozys Zeit als „kärchernder“ Innenminister, nun eine Art Fortsetzung verfasst, in der sich Carla und Carlito im Chateau, wie der Élysée-Palast im Volksmund gern genannt wird, herrlich amüsieren, während es draußen auf den Straßen wegen der Krise nicht eben viel zu lachen gibt.
„Die Puppe zu stechen, verstößt gegen die Würde des Präsidenten.“
Politische Satire ist in Frankreich sehr beliebt, aber seit Sarkozys Präsidentschaft auch ziemlich heikel und gefährlich. Denn „Le president“ gilt als ausgesprochen prozessfreudig. So hatte er im vergangenen Jahr gegen die Bekleidungsfirma „pardon“ geklagt, die ihre Einkaufstüten mit dem Konterfei der nackten Carla Bruni bedruckt hatte. Sarkozy bekam Recht, „pardon“ zahlte 40.000 Euro an Bruni und die Tüten wurden eingestampft. (Glücklich, wer noch eins der seltenen Exemplare besitzt; die Schwarzmarktpreise liegen bei mehreren hundert Euro). Im Mai vergangenen Jahres gewann Sarkozy einen Prozess gegen die Billigairline Ryanair. Die hatte unerlaubterweise mit einem Bild von Bruni und Sarkozy geworben. Daraufhin klagte das Präsidentenpaar wegen Verletzung des Rechts am eigenen Bild. Ryanair musste Bruni-Sarkozy eine Entschädigung in Höhe von 60.000 Euro zahlen - gefordert hatte sie 500.000 Euro! Nicolas Sarkozy wurde symbolisch mit einem Euro bedacht. Finanziell wird er es verschmerzt haben.
Weniger Glück – oder Erfolg - hatte Sarkozy mit der Klage gegen den Verkauf einer Voodoo-Puppe, die seine Gesichtszüge trug. Bedruckt war sie mit vielzitierten Sprüchen Sarkozys, etwa „Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen“ oder „Hau ab, Du Idiot!“ Es ist allerdings fraglich, ob Sarkozy nach dem Urteil des Pariser Berufungsgerichtshofes zu einem humorvolleren Umgang mit der Puppe gefunden hat. In der Urteilsbegründung hieß es, dass die Puppe zwar weiterhin vertrieben werden dürfe, allerdings nur, wenn sie die Beschilderung trägt: „Die Puppe zu stechen, verstößt gegen die Würde des Präsidenten.“
Die Autoren des Carla und Carlito-Comics sehen einer Klage gelassen entgegen. Richard Malka ist nämlich nicht nur Texter, sondern auch ein auf Presserecht spezialisierter Jurist. Und er hält noch einen Trumpf im Ärmel. Im März 2007 hatte er das Satire-Magazin „Charlie Hebro“ verteidigt, das wegen des Abdrucks der Mohammed-Karikaturen verklagt worden war. Damals war Sarkozy noch Präsidentschaftskandidat und schrieb Malka in einem Brief, dass er „den Exzess der Karikatur dem Fehlen der Karikatur“ vorziehe. Richard Malka bewahrt diesen Brief wie einen Schatz.
Leider gibt’s den flotten Comic nur auf Französisch. Aber vielleicht wacht ja auch hierzulande einmal ein großer Zeichner auf, der uns die Geschichten die sich im Innern des Kanzleramts abspielen erzählt. Außer Helmut Kohl hat’s bislang noch kein deutscher Politiker geschafft, als Comic verewigt zu werden. Schade eigentlich. – Paul Schilling
Leider nur auf französisch: Phillipe Cohen, Richard Malka, Riss: Carla et Carlito: Ou la vie de château, Editions 12 bis/Fayard, Paris. 64 pages























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