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Lesezeichen: Die Inflation der Geschichte, Teil IV - Der gute Rausch

April 27, 2008 von admin 

1968, das war Politik, Revolte, Aufstand, das waren erhitzte Diskussionen, Widerstände, Trotz und Aufbegehren gegen Tradition und Vergessen, das waren Lebens- und Gesellschaftsentwürfe einer Generation, die ihren Eltern misstraute, euphorisch, kompromisslos und legitimiert durch das Bewusstsein, dass ihr, der Jugend, die Welt, dass ihr die Zukunft gehört.

Die Frische von FAIm Westen herrschte Wohlstand und die Wirtschaft gewann durch den tiefgreifenden Wandel, der die Gesellschaft erfasst hatte, neue Konsumenten. Plötzlich machte das Fernsehen, machten die Zeitungen und Illustrierten keine Reklame mehr, sondern Werbung. Und was für welche! Plötzlich wurde die Warenwelt ebenso bunt, wie die Hippies, wie die Ausgeflippten draußen auf der Straße. Die Wirtschaft reagierte schnell auf die sich wandelnde Mode, auf die neuen Idole, Träume und Lebensentwürfe.

Nach dem Saubermann- und Familienmuff, den spitzbrüstigen und bis zur sexuellen Unkenntlichkeit entstellten Hausfrauen, die mit biederen und hölzern gereimten Reklamesprüchen die Segnungen der Warenwelt der 50er Jahre kapriziös priesen, war nun endlich Schluss. Der kollektiv artigen Nüchternheit folgte der kollektive Rausch. Werbung wurde “Kult”. Und zahlreiche Slogans, die die Stimmen des politischen Umbruchs der 68er wie eine zweite Tonspur begleiteten, sind ins kollektive Bewusstsein eingegangen: “BMW - Freude am Fahren”, Fa- die wilde Frische von Limonen“, “Der Tag geht, Jonny Walker kommt” und “Ich geh’ meilenweit für eine Camel Filter” sind nur einige der griffigen Slogans, die Ende der 60er die Kauflaune animierten und eine neue wirtschaftliche Zuversicht vermittelten.

Afri-ColaIch weiß nicht, wann ich zum ersten Mal den lasziven Werbespot von Afri-Cola gesehen habe: Nonnen, die sich zu psychedelischer Musik hinter einer Eisblumenscheibe aufreizend räkelten. Und dann der Satz, der mir in meinem unschuldigen achten oder neunten Lebensjahr so ungeheuer revolutionär erschien: “Super-sexy-mini-flower-pop-op-cola - alles ist in Afri-Cola”. Auf dem Schulhof plapperten wir ihn nach, wie wir so ziemlich alles nachplapperten, was die Werbekreativen damals auf den Markt warfen.

Schon das Wort “sexy” war ein echtes “dirty-word”, unanständig und fast so schlimm wie das Wort “Sex” (das vermutlich deshalb manche Zeitgenossen betont weich aussprachen, als ginge es um die Uhrzeit), weil es für Miniröcke und für Frauen, die unter ihren T-Shirts und Blusen keinen BH trugen zu stehen schien. Und allen voran starrten natürlich die Moralisten, also die, die sich dort kratzen, wo es andere Menschen juckt, mit besonders hypnotisierten Augen auf das, was ihre Fantasie erregte. (Ich vermute, dass die Gewinne der Miederwarenindustrie in diesen Jahren eher rückläufig waren.)

Miniröcke Für den “gutenRausch”, den die braune Brause versprach, war ich noch zu jung. Und Cola stand ohnehin nicht auf dem Ernährungsplan. Bevor nach langem Närgeln die erste Flasche Tri-Top gekauft wurde, gab’s Lebertran und Apfelsaft. Mehr und mehr füllten amerikanische Produkte die Supermarktregale: Corn Flakes, Marshmallows, und Batterien von Schokoriegeln. Wir müssen ziemlich ausgehungert gewesen sein, denn das Taschengeld landete nach der Schule und manchmal auch schon vorher, regelmäßig am Büdchen oder beim Bäcker, um Mars, Nuts oder Muscheln zum Auslecken, Puffreis, fliegende Untertassen und Esspapier zu kaufen. Es gab Sunkist-Pyramiden und Liebesperlen. Wir wurden gut vorbereitet auf den Konsumrausch der kommenden Jahre.

Ich war zu dieser Zeit ein großer Freund und unermüdlicher Konsument fröhlich-frischer Kaubonbons. Der Hersteller setzte in einem Fernsehspot denn auch auf Geschmack und nicht auf Ideologie. Den mit Mao-Plakaten durch die Straßen marschierenden Studenten antwortete er mit diszipliniert demonstrierenden Kindern, wohl meine Altersklasse, die “Maoam” skandierten. Ich fand das lustig. Vor allem auch deshalb, weil ich diesmal verstand, um was es ging. - 1973 berichtete die Kölnische Rundschau über besorgte Eltern, die vermuteten, ihre Kinder würden im Kindergarten von Linksradikalen erzogen. Sie hatten den rhythmischen Sprechgesang der Kleinen, den die aus der Werbung kannten und jetzt nachäfften, für Lobeshymnen zu Ehren Mao Tse Tungs gehalten.

Nächste Woche: Teil V - Zur Sache Schätzchen!
Lesen Sie auch:
Teil I - Flimmern und Rauschen
Teil II - Die Rillen der Revolution
Teil III - Haare!
Teil IV - Der gute Rausch
Teil V - Zur Sache Schätzchen!
Teil VI - Odyssee im Kino
Teil VII - Theorie & Tohuwabohu
Teil VIII - In Boots nach Summerhill

p.s. textwerk-online.de
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