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Lesezeichen: Die Karawane zieht weiter

Februar 1, 2008 von admin 

Sollte das nicht den ein oder anderen Luftsprung wert sein? Während Politiker, Wissenschaftler und Experten auf Kongressen, Konferenzen und Gipfeln sich publikumswirksam und mediengerecht Gedanken über die Zukunft unseres Planeten machen, Grenzwerte für den Schadstoffausstoß aushandeln, klimapolitische Weichen stellen, Nobelpreise entgegennehmen und umweltgerechtes Wirtschaften propagieren, weil als Folge des Klimawandels die Jahreszeiten immer ununterscheidbarer werden- während all dessen, hat der Rheinländer, pragmatisch und bodenständig wie er ist, ganz einfach die fünfte Jahreszeit installiert! Damit manifestiert er seine sprichwörtliche Unabhängigkeit, seinen liebenswerten Lokalpatriotismus und nicht zuletzt seinen ausgeprägten Sinn für et Jeschäff. Nach dem Motto: “Wat es de Klimakatastroph? - Mer sin jeck, un wer nit jeck is, der is doof!” feiert das Rheinland seinen ganz eigenen Ausnahmezustand. Und, nicht zu vergessen, mit der fünften Jahreszeit hob der Rheinländer ein Ereignis auf die Bühne der Menschheit, zu einer Zeit bereits, als niemand das Wort “Klimakatastrophe” überhaupt kannte.
Dass nicht jeder die Begeisterung für den Karneval teilt, liegt in der Natur der Sache. Denn, Hand aufs Herz, ohne eine besondere cerebrale Disposition, übersteht kaum jemand die tollen Tage. Mit anderen Worten: Wenn de jeck weeß, fängk et em Kopp aan. Daraus spricht Erfahrung und die tiefe Einsicht, dass der Kopf einen Nutzen hat. Und sei es nur der, ihn zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch dem Alkohol zu opfern und damit überflüssig zu machen.
Karneval im Rheinland, das ist vor allem ein Wirtschaftsfaktor. Rund 1,5 Millionen Besucher drängen während der tollen Tage allein in die Hauptstadt des rheinischen Karnevals nach Köln. Was Gastronomie und Hotelgewerbe freut und, wie die Stadt nicht müde wird festzustellen, Arbeitsplätze schafft, ist für das Ordnungsamt eine zwar unter dem Strich lukrative, in der Praxis jedoch ziemlich unappetitliche Angelegenheit. Nicht nur Touristen, auch Einheimischen sei verraten, dass die Stadt Köln 35 Euro für das so genannte “Wildpinkeln” oder -“ vornehmer gesprochen - “Freiluft-Urinieren” verlangt. Im letzten Jahr flossen auf diesem Weg rund 40.000 Euro in die Stadtkasse. Man rechnet in diesem Jahr mit einer runden sechsstelligen Summe.

Die Auswüchse des Massenansturms waren bereits in der Vergangenheit ein kultureller und ästhetischer Tiefpunkt ohnegleichen. Eine der größten Partystädte Europas zu sein brüstet sich die Domstadt. Respekt! Neben den netten, farbenfrohen Umzügen finden Imis und Heimathirsche während des Karnevals allerdings auch das andere Gesicht heiterer Ausgelassenheit. In manchen Straßenzügen - von den Kneipen ganz zu schweigen - breitet sich während der tollen Tage ein pestilenzialischer Gestank aus: einer Mischung von Urin, Schweiß und Bier. Die zaghaften Appelle keinen Alkohol an Kinder abzugeben, werden wohl auch in diesem Jahr nicht verhindern, dass zahlreiche Minderjährige mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus gebracht werden. Trinken bis zur Bewusstlosigkeit, Schlägereien, kotzende und kopulierende Gestalten hinter dem Gebüsch und leere Bierflaschen zu tausenden über die Straßen der ganzen Stadt verteilt. Ein Bild das wahrscheinlich nur in volltrunkenem Zustand erträglich ist. Und wenn die städtischen Reinigungskräfte kommen, ist alles vorbei. Darum lasst uns wieder fröhlich sein! p.s. textwerk-online.de
textwerk-online

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Kommentare

2 Kommentare zu “Lesezeichen: Die Karawane zieht weiter”

  1. steinkötter monika am Februar 5th, 2008 21:15

    sehr geehrter herr schriftsteller…woher wissen sie dies alles? sie waren doch gar nicht dabei.. mit ausnahme von einer Schupperstunde in bickendorf/ köln .aber ,aber.. nur wer von weiberfastnacht bis zur Nubbelverbrennung am dienstag dabei war… kann am ende doch mitreden…wenn sie das schunkeln in ihren körper gelassen hätten, wüssten sie wie stark dies schiff” karneval” schaukelt und man sich nur noch an der Reling festhalten kann oder auch mal darüber……. (schwankt). in diesem sinne ihre moni st.

  2. Paul Schilling am Februar 6th, 2008 12:15

    Liebe Leserin,

    vielen Dank für Ihren stimmungsvollen Beitrag. Ich muss zugeben: ich fühle mich ein wenig ertappt. Denn tatsächlich habe ich mich entgegen aller Gewohnheiten und Imagegepflogenheiten in diesem Jahr ins karnevalistische Getümmel gestürzt. Am Rande nur und auch dort nur für ein gutes Stündchen. Mir ist klar, dass Sie das nicht gelten lassen. Aber immerhin!
    Ich könnte jetzt einfach behaupten, dass es sich bei meiner kurzen „Schnupperstunde“, wie Sie sie nennen, um einen ethnologischen Selbst- und Feldversuch gehandelt hat, um eine Sozialstudie, die von persönlicher Distanz und wissenschaftlicher Objektivität gekennzeichnet sein sollte. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Gemeinsam mit Freunden am Zugrand zu stehen, die fröhlich-ausgelassene Stimmung zu teilen, auch einmal in Alaaf-Rufe auszubrechen und das ein oder andere Karnevalslied mitzusingen, das ist doch eine wunderbare Sache!
    Es ist, liebe Leserin, die alte Geschichte, dass denen, die kritisieren, - was in der Regel nur aus einer nüchternen Distanz heraus geschehen kann - häufig unterstellt wird, dass sie, weil sie nicht dabei waren, dass heißt, weil sie eben nüchtern geblieben sind, von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch, nicht von dem erzählen können oder dürfen, was die Jecken in den tollen Tagen getrieben haben. Begeisterung zu teilen ist das Eine, sie zu vermitteln, ist eine völlig andere Sache. Der Eine schlürft Austern und zeigt sich verständnislos gegenüber dem, der beim Anblick der Schalentiere mit dem Brechreiz kämpft. Und merkwürdigerweise ist das Verständnis für unser Gegenüber oft dort am geringsten, wo unsere Begeisterung nicht geteilt wird.
    Aber hier weist uns ja zum Glück der Rheinländer in seiner beispiellosen weisen Gelassenheit den Weg ins friedliche Miteinander: Jeder Jeck is anders!

    Mit freundlichen Grüßen – Paul Schilling





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