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Lesezeichen: Im Kiosk

Januar 5, 2008 von admin 

Etwas Gedankenversunken hatte ich den Kiosk betreten. Ich wollte mir die aktuelle Ausgabe eines Reisemagazins kaufen, Thema: “Japan - Land der aufgehenden Sonne”. Angesichts der Temperaturen draußen verband ich damit die Hoffnung wenigstens bei der Lektüre ein bisschen warme Sehnsucht zu tanken…

Gleich am Eingang lagen die Zeitungen, Magazine und Illustrierten aufgefächert auf mehreren Regalen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie groß das Angebot an Gedrucktem hierzulande ist. Kaum eine Beschäftigung, ein Hobby, eine vermeintliche Leidenschaft sind ausgefallen genug, dass es nicht ein passendes Magazin dazu gäbe: ob Angeln, Tattoos, Skaten, Heimwerken oder Haustiere, Zigarren, Uhren, Fitness, High Society, Heavy Metall oder Stricken. Wir blättern und lesen, und zwanzig oder fünfzig Seiten lang gehört uns die Welt. Hier finden wir nicht nur Gleichgesinnte, Partner oder Berater, Informationen und Neuigkeiten, hier finden wir vor allem die Bestätigung, dass unser Interesse wertvoll ist, allein dadurch, dass wir es in gedruckter Form in Händen halten.
Trotz des großen Angebots konnte ich das gesuchte Magazin jedoch nicht gleich finden. Also begann ich zu stöbern. Und während ich so also in verschiedenen Magazinen blätterte, fühlte ich mich plötzlich beobachtet. Um genau zu sein: ich fühlte mich aus Gewohnheit beobachtet. Schließlich ist man ja nie allein, wenn man ein Geschäft betritt. Bei den großen Läden sucht man zwar oft verzweifelt das Verkaufspersonal, aber man muss doch ständig damit rechnen, beobachtet zu werden, und sei es auch nur durch irgendwelche versteckt angebrachten Kameras. In den kleinen Läden hingegen läuft man oft dem Verkäufer oder der Verkäuferin direkt in die Arme. Sollte auf den ersten Blick dennoch niemand da sein, taucht spätestens nach einem flüchtigen Rundumblick durch den Laden eine Gestalt hinter der Verkaufstheke auf, wie eine Kasperlefigur aus der Versenkung einer Klappbühne und fragt: “Suchen Sie etwas Bestimmtes?”
Jedenfalls fühlte ich mich beobachtet und darum fragte ich, den Blick noch unverwandt in das Heft gerichtet:”Haben Sie das neue Reisemagazin mit dem Japan-Bericht?” - Keine Antwort. Plötzlich war es so still in dem kleinen Laden, dass ich irritiert den Kopf hob und mich in dem schmalen, schlauchartigen Raum umschaute. An dessen Ende entdeckte ich einen jungen, auf einem Stuhl zusammengesunkenen Mann, der offensichtlich tief und fest eingeschlafen war. Sein sehr leises, gleichmäßiges Schnarchen ließ keinen Zweifel daran und auf eigenartige Weise verstärkte es die Stille im Raum sogar. Irgendwie, dachte ich, sieht er richtig glücklich und zufrieden aus. Und statt mich kostenlos mit Lektüre einzudecken, was mir kurz durch den Kopf schoss (eine tolle Gelegenheit einen Stapel teurer Hochglanzmagazine nach Hause zu tragen), hielt ich den Atem an, drehte mich um und verließ den Kiosk sehr leise und mit vorsichtigen Schritten, so als entfernte ich mich aus einem Kinderzimmer nach dem Gute-Nacht-Lied.
Wer weiß, dachte ich, vielleicht kann man sich ja auch ohne Reisemagazin in wärmere Gefilde träumen und nahm mir vor, den Mittagsschlaf ab sofort zu einem festen Bestandteil des Tages zu machen. p.s. textwerk-online.de
textwerk-online

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