Lesezeichen: Startnummer 29 – Neulich auf dem Turnierplatz
Mai 22, 2009 von admin
Sonntagmorgen. Nieselregen. Paarweise und in kleinen Gruppen waten Menschen mit Regenjacken, Hüten, Wanderschuhen und Gummistiefeln über einen matschigen Platz. Der schlammige Boden gibt jedem ihrer Schritte einen saftigen Klang.
Foto: Matsch, wohin man sieht
Hin und wieder, dort wo der Matsch allzu zäh und hartnäckig ist und die Gummistiefel sich nicht vom Boden lösen, löst sich dafür schon mal ein Fuß vom Gummistiefel und rudert irritiert in der Luft. Es ist Frühling in Deutschland.
Der Tross folgt einer unsichtbaren Route, verharrt in kurzen Wortwechseln zwischen Hindernissen aus Büschen und blau-weiß oder rot-weiß gestreiften Stangen und wirkt dabei ebenso ernst wie gelangweilt. Was für mich wie eine Art therapeutisches Schlammwandern aussieht, ist in Wahrheit die letzte Vorbereitung auf das heutige Springturnier. Jugendliche Reiter und ihre Eltern gehen den Platz ab, um die Distanzen zwischen den einzelnen Hindernissen abzuschreiten. Als Zuschauer ohne reiterliche Ambitionen komme ich mir vor wie ein Außerirdischer. Ich stehe, bis zu den Knöcheln im Schlamm steckend, am Rand des Turnierplatzes und stütze mich an einem dünnen Baumstrunk ab. Ich vermeide es meinem Befremden durch deutliches Kopfschütteln Ausdruck zu verleihen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und in voller Länge im Matsch zu landen. Allein ein leichtes Stirnrunzeln und ein unbestimmtes Kräuseln meiner Mundwinkel vermag ich nicht zu verhindern.
Unter den Zuschauern sind auch einige Damen, deren Garderobe, inklusive Schuhwerk, beim Besuch in Ascot oder der Wiener Hofreitschule Gefallen gefunden hätte. Im rustikalen Ambiente dieses dörflichen Reitturniers jedoch wirken sie ebenso deplatziert wie sie unpraktisch sind. Aus Furcht ihr hochpreisiges Outfit zu ruinieren, stehen sie entweder weit abseits am Bierrondell, wo der schlammige Boden mit Packpalletten bedeckt ist, oder sie drapieren sich bewegungslos, etwas affektiert einen zeltgroßen Schirm über die frisch geföhnte Frisur haltend, auf der Tribünenbank, über der mit großen Lettern für den ortsansässigen Kaninchen- und Hundefuttermarkt geworben wird. Die Lautsprecheranlage ist direkt an der Tribünenstellage montiert und bei der ersten ohrenbetäubenden Durchsage – „Wir begrüßen mit der Startnummer 114 Ilona Gebhard auf ihrem Hengst Joy vom Reit- und Fahrverein soundso…“ – zucken die Dorfschönheiten noch kurz zusammen. Im weiteren Verlauf jedoch verziehen sie keine Miene mehr, sondern genießen ganz offensichtlich die allgemeine auf sie gerichtete Aufmerksamkeit.
Tatsächlich wendet sich der Blick der Zuschauer immer stärker ab vom Geschehen auf dem Turnierplatz und hin zu den Tribünenplätzen. Denn unmittelbar davor liegt die mit Abstand größte Pfütze des Platzes. Und mit jedem neuen Ritt spritzen Wasser und Schlamm immer höher. Endlich: Volltreffer! Ein gellender Schrei durschneidet den Platz. Wie ein Wurfgeschoss hat es die Zuschauerin im fliederfarbenen Kostüm getroffen. Von ihrem weitkrempigen weißen Sommerhut tropft es braun und zäh herunter. Ihre Arme, weit zur Seite gerissen, zeigen dabei unwillkürlich auf ihre ebenfalls in Mitleidenschaft gezogenen Banknachbarinnen, bzw. deren Kleidung.
Auf dem Platz treibt der Reiter sein Pferd über den nächsten Sprung. Doch selbst die Punktrichter, die im offenen Bauwagen am Rand des Turnierplatzes im Trockenen sitzen und deren Aufgabe es ist, den Blick auf den Reiter zu richten, starren plötzlich wie gebannt auf die Tribüne. Eine ältere Frau im perlenbestickten T-Shirt bricht tatsächlich in Tränen aus. Und während die gesamte Tribünengesellschaft in Bewegung und Aufruhr gerät, aufspringt und kreischt und den entstandenen Schaden in Augenschein nehmen oder sich schnellstmöglich und hektisch aus der Gefahrenzone entfernen will, prescht Wotan mit der Startnummer 29 an der Tribüne vorbei und vollendet in einem mustergültigen Galopp das Werk seines Vorgängers. Mit großer Wucht spritzt die Schlammpfütze in die Höhe und verteilt sich unregelmäßig aber vollständig über die Damen und einige wenige Herren auf der Tribüne.
Den aufgebretzelten Damen am Bierrondell ist eine gewisse Genugtuung anzusehen. Sie kichern und tuscheln und zeigen jedem ihr strahlenstes Lächeln, nicht nur den unglücklichen und unfreiwilligen Tribünenstars, die nichts Eiligeres zu tun haben als den Ort des Geschehens zu verlassen, sondern auch mir, der ich mit Schlammklumpen an meinen völlig durchnässten Halbschuhen ihre kleine Bühne kurz durchquere und endlich meinen Heimweg als Außerirdischer antrete. – Paul Schilling

























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