Lesezeichen: Aufbruch auf unbestimmte Zeit verschoben? – Politik 2.0 in Deutschland, Teil 1
November 17, 2008 von admin

Monolog oder Gespräch?
Niemals zuvor ist der Internetpräsenz von Politikern eine dermaßen große Aufmerksamkeit geschenkt worden, nie war deren Auftritt im Web entscheidender, wie während des US-Präsidentschaftswahlkampfes.
Über Jahrzehnte wurde der Wahlkampf in den USA im Fernsehen ausgetragen und entschieden. Die großen Fernsehduelle zogen Millionen von Zuschauern vor die Bildschirme. Angefangen beim ersten spektakulären TV-Wahlkampf 1960 zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon, über die Schlagabtausche zwischen Ronald Reagan und Jimmy Carter 1980 und George Bush und Bill Clinton 1992, bis zu den Fernsehduellen zwischen John Kerry und George W. Bush im Jahre 2004, saß der Wähler vor dem Fernseher, folgte dem standardisierten Frage- und Antwortspiel mit meist mäßigem Interesse und entschied schließlich nach Sympathie oder Krawattenfarbe.
Beim Präsidentschaftswahlkampf zwischen Barack Obama und John McCain kam zwar auch das rituelle Fernsehduell zum Einsatz. Seine Bedeutung aber war erstmals nicht wahlentscheidend. In diesem Wahlkampf verlor das TV seine Rolle als Leitmedium. Nicht länger vorgekaute Meinungshäppchen, nicht professionell inszenierte Wortwechsel in der aseptischen Atmosphäre eines Fernsehstudios bestimmten den Wahlkampf. Diese Schlacht wurde in den digitalen Kommunikationsmedien geführt: interaktiv, vernetzt, partizipierend und schneller als jemals zuvor. Das Internet ist zum zentralen Medium der Informationsgewinnung geworden. Network Campaigning, personalisierte und dialogorientierte Kommunikation und sogenanntes Crowdsourcing (die Aktivierung von Anhängern zur aktiven Unterstützung im Wahlkampf) waren dabei die maßgeblichen Erfolgsfaktoren.
Video: Deutschlands Politiker und das Internet- Ein Armutszeugnis
Amerika ist weit weg. Vielen deutschen Politikern scheinen die USA, angesichts der dortigen Bedeutung und Vertrautheit mit dem Internet, die Abkürzung für einen fremden Planeten zu sein. Vielerorts wird das Internet von der politischen Führung der Republik belächelt oder der Umgang mit ihm von „jungen Mitarbeiter“ erledigt, wie der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Hans-Christian Ströbele, jüngst mit jovialer Geringschätzung in einem Interview bemerkte. Politik, wollte er damit sagen, wird ja nicht im Internet gemacht.
Auch Vertreter anderer Parteien scheinen ihre mediale Rückständigkeit mit politischer Erfahrung zu verwechseln. Frei nach Gerhard Schröder, wohl nur „Gedöns“. So auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries. Sie ist nicht nur erneut vor dem Bundesverfassungsgericht mit ihrem Vorstoß zur Vorratsdatenspeicherung, sondern auch mit ihrer Antwort auf die Frage „Was ist ein Browser?“ gescheitert. Genervtes Kopfschütteln: „Brauser? Brauser? Keine Ahnung!“ - Natürlich haben unsere Abgeordneten alle eine Homepage, die man mittels eines Browsers betrachten kann. Aber darum kümmern sich vermutlich nur irgendwelche Praktikanten in den Abgeordnetenbüros. In der Regel werden die Seiten der Politiker von Agenturen erstellt, die von Parteien dazu beauftragt werden. Und genauso langweilig und kommunikationsschwach sind sie dann auch meistens. Seiten, deren einziges Gesicht das ist, was in Passbildgröße eine Identifizierung möglich macht. Gewollt, ja gemusst wirken sie dann. Weil man, so das oft gehörte Argument von Politikern, eine Homepage eben haben müsse, schließlich sei sie doch wie eine Visitenkarte im Internet. Und viele meinen allein damit ausreichend zu signalisieren, dass sie auch internettechnisch im 21. Jahrhundert angekommen sind.
Mit dieser Einschätzung und einer Darstellung im Netz, die nur auf Präsentation und nicht auf Kommunikation setzt, die sich auf geschlossene Reproduktion beschränkt und nicht auf offene Produktion und Partizipation setzt, die Monologe führt, statt Gespräche in Gang zu bringen - der US-Wahlkampf hätte weiter im TV stattgefunden und wäre nicht im Internet geführt worden. - Paul Schilling
Lesen Sie bald:
Teil II – Obama lässt grüßen – Registriere Dich jetzt!
Hintergrund:
Während in Amerika der US-Präsidentschaftswahlkampf erstmals im Internet geführt wurde und Millionen von Menschen mobilisiert hat, gleicht Deutschland hinsichtlich des Engagements ihrer Politiker im Netz in großen Teilen einem Entwicklungsland. Unkenntnis, Misstrauen und Innovationsscheu sind Ursachen für die mangelnde politische Präsenz und Kommunikation im Internet. Nach den Erfolgen in den USA könnte sich nun aber auch hierzulande vieles ändern. Wir werfen einen Blick auf Politiker und Parteien im Netz. Welche Kommunikationsformen nutzen sie, welche Potentiale sind ungenutzt und was zeichnet einen guten von einem überflüssigen Internetauftritt aus?

























Ja, das ist alles völlig richtig und auch richtig erkannt. Die deutsche Politik lernt vielleicht einfach nicht, dass man das Netz nicht einfach lernen und dann benutzen kann, sondern dass es lediglich ein Kommunikationsmedium ist, dass der Inhalt zählt. Genauso dumm könnte man da fragen: “Hey, erklär mir mal, wie man mit dem Telefon Wahlkampf macht?” …so einfach funktioniert es halt doch nicht.