Lesezeichen: Fiese Krise, mieser Service - Von einem der auszog, ein Auto zu kaufen
April 24, 2009 von admin
(Rückblick vom 24.04.09) Beworben werden sie mit Dumpingpreisen. Und manche gibt’s schon für 5.000 Euro. Die Abwrackprämie eingerechnet. Der Autohandel ist in die Rolle eines kollektiven Marktschreiers geschlüpft, und in Deutschland ist wieder Schnäppchenstimmung. Altauto weg und her mit dem billigen Neuwagen.
Foto: Wer die WAHL hat, hat die Qual?, (c) www.rollermobilclub.ch
Also, gute Zeiten für den Autokauf, denke ich mir und mache mich auf die Suche nach einem neuen kleinen Fahrzeug. Ich brauche ganz dringend eins – weil man die besten Geschichten nicht unbedingt am Schreibtisch erlebt.
Ich bin ein Kunde, wie ihn sich jeder Autohändler nur wünschen kann: ich brauche sofort ein Auto – und ich zahle bar! Doch während im vergangenen Jahr die Fuhrparks der Autohäuser noch voll waren, stoße ich jetzt bei zahllosen Kölner Autohändlern auf lauter leere Höfe. Ein paar Ausstellungsfahrzeuge, mit grellen, übergroßen Schriftzügen vollgepappte Schaufenster und Verkäufer, die zwischen Desinteresse und Verzweiflung ihren Kaffee schlürfen. Das ist das ernüchternde Ergebnis meiner mehrtägigen Reise durch den Kölner Autohandel auf der Suche nach einem kleinen, preiswerten Neuwagen.
Hängende Mundwinkel
Foto: Paul Schilling schreibt für die FreieHONNEFER
Meinen ersten Versuch starte ich bei einem japanischen Hersteller. Es ist eines dieser flachen, nichtssagenden und an eine überdimensionale Garage erinnernde Gebäude, wie sie zu Hunderten an deutschen Ausfallstraßen stehen, trostlos, einsam beflaggt und nur durch ihr riesiges Markenschild, unter dem in kleiner Schrift der Name des Händlers steht, voneinander zu unterscheiden. Ich werde noch vor einigen dieser Schilder stehen. Aber jetzt ist es sechs Uhr abends, die erste Frühlingshitze hat Kinder mit kurzen Hosen, Kickboards und Fahrrädern aus den benachbarten Sozialbauwohnungen auf die Straße getrieben und auf einer kleinen Grünfläche am Straßenrand haben ein paar türkische Familien die Grillsaison eröffnet.
Der Verkaufsraum hat den Charme eines Kodi-Marktes im tiefsten Kalk. Ungepflegt, kahl und zweckmäßig. Nachdem ich den trostlosen Show-Room drei- oder viermal vollständig abgeschritten habe, kommt wie aus dem Nichts und sehr langsam ein Mann auf mich zu. Im ersten Augenblick denke ich, dass er mich für den Verkäufer hält, denn ich halte ihn umgekehrt angesichts seiner müden und etwas gelangweilten Erscheinung für einen Kunden. Doch dann begrüßt er mich plötzlich hoffnungslos und fragt, ob er mir helfen könne. Ich weiß nicht genau, ob sich seine Mundwinkel bereits bei dem Wort „Kleinwagen“ oder erst bei dem Zusatz „preiswertes Modell“ nach unten verschoben. Jedenfalls muss ich ihn zweimal bitten, mir seine Fahrzeuge zu zeigen.
Schnell wird klar, dass das einzige Fahrzeug, das für mich in Frage kommt, eine Lieferzeit von über drei Monaten hat. Der Mann macht sich noch nicht einmal die Mühe, mir das Auto schmackhaft zu machen. Stattdessen bietet er mir einen fünf Jahre alten Mittelklassewagen an. Vermutlich ein Ladenhüter. Aber der kommt für mich nicht in Frage. Etwas ernüchtert beschließe ich den sonnigen Abend bei einem gepflegten Bier am Rheinufer ausklingen zu lassen und schwinge mich aufs Fahrrad.
Überwältigendes Interesse
Video: Pressekollege und Leidensgenosse - Horst Schlämmer sucht einen Gebrauchtwagen
Während die meisten Autos nur hergestellt werden, geht der Franzose hin und erschafft sie! Also führt mich mein Weg zwei Tage später zum Autohaus unseres gallischen Nachbarn. Wieder ein sonniger Tag und wieder herrscht im Ausstellungsraum gähnende Leere. Ich zähle beim Gang durch die Autoreihen insgesamt drei Mitarbeiter, wovon zwei sich an ihren Schreibtischen geschickt hinter ihren Monitoren unsichtbar zu machen versuchen, während der dritte, kaum dass die Lichtschranke am Eingang mein Eintreten durch ein dezentes elektronisches Glockengeläute ankündigt, sich umgehend in die hinteren Räume verflüchtigt.
Das Interesse an mir ist überwältigend. Und darum nähere ich mich nur zögernd einem ergrauten Verkäufer mit der Frage, ob es denn noch Kleinwagen gebe. Ich hätte ihn vermutlich genauso gut fragen können, ob er mir 250 Gramm Teewurst einpacken könnte. So guckt jemand, der einem Außerirdischen begegnet. Mein Kaufinteresse erstirbt jäh und ich entschuldige mich höflich für die Störung.
Nun hat der Franzose aber auch gleich den Rumänen im Haus. Genauer gesagt, im Keller. Der billigste Autohersteller, der auf dem deutschen Markt vertreten ist, hat eine kleine Produktpalette und beschränkt sich technisch und ausstattungsmäßig auf das Wesentliche. Und genau das will ich ja. Das Wesentliche! Klein, neu und preiswert. Wer einen Neuwagen für 7.500 Euro anbietet, denke ich mir, der will nur eins: Verkaufen! Schließlich ist der Rumäne jetzt in der EU und das soll ja sein Schaden nicht sein.
Der Rumäne im Keller
Auch im Keller – offiziell heißt der Raum „Untergeschoss“ – ist die Stimmung gedrückt. Vom vielen Sitzen, vom Autofahren oder aber auch nur vom Essen dick, sitzt mein Ansprechpartner neben der Treppe an seinem Schreibtisch und hält den Blick gesenkt, als ich den schmucklosen Ausstellungsraum betrete. (Vielleicht ist „Ansprechpartner“ nicht der treffende Ausdruck. Denn der Mann strahlt eine gewisse Unwilligkeit aus, und ich habe den Eindruck, als ob er mich als lästigen Eindringling aus den Augenwinkeln betrachtet und hofft, dass es nicht zum Äußersten kommt). Ich drehe meine drei, vier vertrauten Runden durch den Raum und stehe schließlich wieder neben der Treppe, vor seinem Schreibtisch und spreche ihn, nachdem ich alle Skrupel fahren gelassen habe, direkt an: „Guten Tag! Sie haben da ja ein paar tolle Angebote. Können Sie mir vielleicht (!) mal das Modell dort hinten zeigen?“ Vorsichtig senke ich den Kopf, um etwa in gleicher Augenhöhe zu landen, und lächle mein freundlichstes Lächeln. „Ist das möglich, bitte?“ – Mit seiner Antwort lässt er sich Zeit. Ich kann nicht erkennen womit er beschäftigt ist. Er blickt nur auf die leere Tischplatte. Aber nach wenigen Sekunden gibt er auf. „Moment!“, sagt er und rührt sich nicht. Nach einer kleinen Ewigkeit bewegt er seinen Drehstuhl leicht mit dem Gesäß zur Seite. „Der ist schon verkauft.“ – „Ach so“, sage ich. Und „Schade!“ Dann: „Na, vielleicht können Sie mir den Wagen ja trotzdem mal zeigen. Der ist verdammt günstig und…“ Da haut’s ihn fast aus dem Drehstuhl. Er hebt den Kopf und blickt mich drohend an: „Da kommen noch Überführungskosten drauf!“ - „Ach“, sage ich. „Aber da lässt sich doch sicher noch was machen. Ich meine mit dem Preis.“ „Nein!“ sagt er kategorisch und unerbittlich. Dann senkt er den Kopf und bohrt seinen Blick wieder in die Schreibtischplatte. - Ich habe verstanden!
Also verabschiede ich mich mit der Bemerkung, dass ich ihn zum Mitarbeiter des Monats vorschlagen und in meinem Bekanntenkreis weiterempfehlen werde. Aber er ist zweifellos nicht der Typ von Verkäufer, der einen auch nur rudimentär entwickelten Sinn fürs Ironische hat. Ihn darum als tumbe Nuss zu titulieren, das ist mir dann doch zu platt.
Drei weitere Autohäuser konnten sich in den darauffolgenden Tagen auf meinen Besuch freuen. Und sie taten es auch. Auf ihre unvergleichlich freundliche und hilfsbereite Art. Bislang hatte ich immer gedacht, dass Baumärkte die Gestalt gewordenen deutschen Servicewüsten seien. Doch in der vergangenen Woche habe ich ganz neue Erkenntnisse gewonnen. Einen preiswerten Neuwagen allerdings haben sie mir nicht beschert. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf! Sollte sich unter den Lesern ein Autohändler befinden, er hat die Chance die Ehre einer ganzen Branche widerherzustellen. Ich will doch nur einen kleinen preiswerten Neuwagen. Und zwar sofort! - Paul Schilling
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Leider bin ich kein Autohändler. Wir unterstützen Sie aber gerne mit unserem großen Sortiment an frischer Wurst und Fleischwaren. Bei Interesse wenden Sie sich vertrauensvoll an Metzgerei Mangold, Solingen.