Mach mit!
Top

Lesezeichen: Offener Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn

September 12, 2008 von admin 

Bahn-VerspätungSehr geehrter Herr Mehdorn,
ich stelle mir vor, dass Sie mittlerweile bereits Knietief durch die Flut der Protestbriefe waten, die Sie zu Ihrem jüngst eingeführten Bedienzuschlag erreicht haben.

Nicht nur der gemeine Bahnfahrer, nein, auch Verbraucherschützer und sogar Politiker laufen Sturm gegen die neue Gebühr, die vorsieht, dass mit jeder am Schalter gekauften Fahrkarte ein Betrag in Höhe von 2,50 Euro fällig wird.

Einfach, versteht sich, damit für Hin- und Rückfahrt dann der Einfachheit halber ein kleiner ganzer 5 Euro-Schein gezahlt werden muss. Der Druck, der bereits seit Ihrem Amtsantritt auf Ihnen lastet muss enorm sein. Auf Ihren schmalen Schultern lastet die ganze Verantwortung die Bahn erfolgreich an die Börse zu bringen. Bereits in der Vergangenheit haben Sie durch zahlreiche Streckenstilllegungen, und Preisterhöhungen Ihren unbeugsamen Willen dokumentiert, die Bahn profitabel zu machen. Dafür möchte ich auf diesem Weg meinen besonderen Respekt zum Ausdruck bringen.

Es ist nur zu verständlich, dass Sie das ganze kreative Potential, das zweifelsohne in Ihnen schlummert, nicht voll ausleben und ausschöpfen können. Zu voll ist Ihr Terminkalender und zu groß ist die negative Stimmung der Bahnkunden, der Bahnbediensteten, der Gewerkschaftler, der Verbraucherverbände, ja im Grunde genommen die Stimmung der ganzen Welt gegen Sie. Als einsamer kleiner Mann, einem durch Ablehnung, Widerstand und feindlicher Gesinnung verkniffen dreinblickendem Menschen, stehen Sie fest, einsam und unerschütterlich, eine einzigartige Mischung aus Napoleon und Rumpelstilzchen auf der Brücke - und springen nicht!

Ich möchte Sie nicht nur meiner uneingeschränkten Solidarität versichern, sondern Sie an dieser Stelle auch ermuntern an Ihrem Kurs festzuhalten. Vielleicht sind Ihnen meine Vorschläge für weitere Maßnahmen zur Ertragsoptimierung durch Ihre Kunden dabei eine kleine Hilfe. Es würde mich freuen. Sie haben den Kunden der Bahn ja bereits als das erkannt und ökonomisch genutzt, was er ist: ein Mob, dem man gewissenlos in die Taschen greift; was um so leichter fällt, als Sie auf der Schiene der Monopolist sind. Die Gewerkschaften hätten es wissen müssen. Nach dem hart erkämpften Tarifvertrag vom Frühjahr waren Sie natürlich gezwungen, die entstandenen Mehrkosten durch Einnahmen an anderer Stelle wieder auszugleichen. Mehr, das weiß doch jedes Kind, mehr gibt es bei der Bahn nicht: nicht mehr Service, nicht mehr Pünktlichkeit, nicht mehr Verbindungen. Na gut, Verspätungen gibt es mehr. Aber die gehören doch zum Image der Bahn. Und am Image, bitte schön, wollen wir doch nicht kratzen.

Die Einführung des Bedienzuschlags ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Toilettengebühren auf verschiedenen Bahnhöfen von bis zu 1,50 Euro haben Sie bereits eingeführt. Auch die Nutzung der Bahnhofshallen, vor allem aber das Betreten der Bahnsteige sollten in Zukunft gebührenpflichtig werden. Für Kinder unter sechs Jahren in Begleitung mindestens zweier Erwachsener bliebe der Aufenthalt selbstverständlich kostenfrei. Zwei Euro pro angefangener Viertelstunde für jeden anderen Fahrgast brächten Ihnen Mehreinnahmen von bis zu 18 Millionen Euro im Jahr. Dass das Lesen der Fahrpläne bislang kostenfrei ist, kann Ihnen nur als soziale Wohltat ausgelegt werden. Auch hier böten sich zusätzliche Einnahmen von mehreren Millionen Euro. Eine neu einzuführende Verweil- und Wartegebühr wären weltweit einzigartig und angesichts der zahlreichen Verspätungen der Bahn leicht verdientes Geld. Auch die Fahrkartenautomaten bieten noch enorme Potentiale. Besonders dann, wenn sie erklärungsbedürftig sind. Hier bietet sich eine hochpreisige Support-Gebühr an.

Lieber Herr Mehdorn, ich würde mich freuen, wenn Ihnen meine Vorschläge gefallen und sie Ihnen für Ihre zukünftigen Maßnahmen als Anregung dienen. Gerne stehe ich Ihnen auch zu einem persönlichen Gespräch zur Verfügung. Sie wissen: Sie als erfahrener Manager können viel bewegen - nur nicht die Bahn.

Nachtrag:

Lieber Herr Mehdorn, was für eine überraschende Nachricht: Sie verzichten auf den Bedienzuschlag! Als die Meldung heute früh über die Agenturen ging, war ich ganz bei Ihnen. Was müssen das für Stunden gewesen sein, in denen Sie mit sich gerungen haben und sich schließlich dem Druck der Öffentlichkeit und der Kanzlerin gebeugt haben. Auch wenn es wie eine Niederlage aussieht: Kopf hoch, Herr Mehdorn! Sie werden nicht nachlassen, neue, kreative Einnahmequellen zu erschließen, und sei es zuletzt ein Schmerzens- und Leidensgeld, das Ihnen die Bahnkunden dafür zahlen, dass Sie, lieber Herr Mehdorn, sich weiterhin mit deren Widerstand herumschlagen müssen.

Mit freundlichen Grüßen aus Bad Honnef,

textwerk-onlinePaul Schilling

textwerk-online.de

p.s. Besuchen Sie uns doch einmal in unserem schmucken Bad Honnefer Hauptbahnhof. Hier finden Sie Entspannung und Abwechslung vom harten Tagesgeschäft.

Als Lesezeichen anlegen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • Linkarchiv
  • LinkedIn
  • Tausendreporter
  • Wikio
  • YahooMyWeb
  • Bloglines
  • Facebook
  • Linkarena
  • Technorati
  • Webbrille
  • Wikio DE

Kommentare

4 Kommentare zu “Lesezeichen: Offener Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn”

  1. Jan Iversen am September 12th, 2008 11:11

    Wenn es nicht so traurig wäre… Zumindest heitert der obrige Beitrag köstlichst auf. Berufsbedingt nunmehr seit vier Wochen auf die Bahn von Honnef nach Köln angewiesen, laufe ich fast täglich wegen Verspätungen oder kompletten Zugausfällen Amok. Hilflos steht man am Bahnsteig und kann sich noch nicht mal an schönen Bahnhöfen - siehe Honnef - erfreuen. Also werde ich wohl bald wieder auf den Pkw umsteigen - trotz hoher Spritpreise. Vielleicht wird von Herrn Mehdorn der Börsengang ja deshalb so forciert, weil er erkennt, dass ihm inzwischen die Kunden in Scharen weglaufen.

  2. Florian am September 12th, 2008 14:00

    Lachen - ja - Lachen entspannt. Besser als mit dem Kopf an die Wand.

    Derweil, der Unterschied zwischen den Bahnen in Spanien und Deutschland. In Spanien ist die tägliche Abenteuerfahrt bezahlbar. Und: Es ist halt Spanien, da klappen die Dinge manchmal nicht, muss man geduldig sein. Wenn im Süden auf der Fahrt mal wieder das Licht ausgeht und geschockte Pendler zwei Stunden im Tunnel schwitzen, dann habe ich einfach nur Mitleid mit dem Schaffner. Und ist doch toll, dass überhaupt Züge fahren, in Spanien.

    Deutschland? Kann mehr, sollte man meinen, und vor allem auch besser.

  3. Dr. Peter Sommer am Februar 4th, 2009 14:06

    Sehr geehrter Hr. Mehdorn, ich kenne Sie noch aus unserer MBB-Zeit, Sie als Vorstandsvorsitzender und ich als Assi von Hrn. Kuhlo; ich habe immer viel von Ihnen gehalten. Halten Sie ja durch und lassen Sie sich von denen aus Berlin, wie die auch immer heißen mögen: Tiefensee (abgründig) oder Wievelspütz sind doch alles Nullis. Oder schmeißen Sie doch einfach den Scheiß hin, wenn die das Unglück wollen. Hinterher sind immer alle gescheiter oder gescheitert.
    Ihr Bewunderer
    Dr. Peter E. Sommer Glück auf
    Wasserburg am Inn

  4. Paul Schilling am Februar 5th, 2009 10:17

    Lieber Herr Dr. Sommer, Herr Mehdorn wird sich freuen über so viel Solidarität und Zuspruch; er wird sie brauchen. Ob sie ihm allerdings nützen, ist zweifelhaft. Während die Gewerkschaften (welcher Deal ist da gelaufen?) nichts von Rücktrittsforderungen wissen wollen, handelt man in der FDP schon die Namen möglicher Nachfolger. Der Vielflieger und Autonarr Mehdorn beweist aufs Schönste, dass man ein Unternehmen, das man führt, nicht mögen muss, um es zu führen. Und so führt er die DB also munter weiter in den Abgrund des Ansehensverlustes. Das soll ihm erst mal jemand nachmachen! Mit zügigen Grüßen, Paul Schilling





Gerne können Sie hier Ihren Kommentar hinterlassen...
und wenn Sie zusätzlich ein kleines Bild von sich zeigen möchten, nutzen Sie dafür einen Gravatar.
HINWEIS: Jeder neue Kommentar wird vor der Freigabe durch einen Moderator geprüft! Bitte geben Sie Ihren Namen und eine gültige Mailadresse an.

Bottom