Von der Fixierung zur digitalen Selbstbestimmung - Interview mit Ibrahim Evsan
März 10, 2010 von admin
Ausgezeichnet als Innovator und Visionär des Web 2.0 gestaltet Ibrahim Evsan, kurz “Ibo”, sein Leben beruflich wie privat im Netz. Dabei kennt er auch dessen Abgründe und Risiken. In seinem neuen Buch “Der Fixierungscode” behandelt er Themen wie Blogs, Microblogging, Online-Reputation und das “Leben im Lifestream”.
Foto: Ibrahim Evsan im “Gespräch” auf Flickr, Screenshot
Im Jahr 2006 gründete Evsan die Videoplattform sevenload, eines der erfolgreichsten deutschen Start-Ups. 2009 gewann Evsan den Convergators Award in der Kategorie »Digital Life«. Ibrahim Evsan gilt als Experte der Web 2.0 Branche, der sich kritisch und engagiert mit dem Internet auseinandersetzt: “Ohne Zweifel sind wir ungemein fixiert auf den digitalen Kosmos hinter unseren Endgeräten – nur leider oftmals mit einem sehr fragmentarischen Wissen ausgestattet. Wer überblickt schon alle Dienste, mit denen Google an unsere Daten und geheimsten Wünsche kommt? Wer hat mehr als eine vage Ahnung über die Abhängigkeiten, in die man geraten kann?”
Das Interview - “Mensch und Maschine kommen sich näher”
Rhein-Onliner: Herr Evsan, Ihr neues Buch trägt den Titel “Der Fixierungscode”. Um welchen “Code” geht es? Was oder wer wird hier “fixiert”?
Ibrahim Evsan: Der Auslöser war in der Tat mein iPhone. Mein bester Freund sprach mich auf das Gerät an. Als ich meinte, ich fände das Handy unglaublich schön, es sei für mich wie ein magisches Schmuckstück, da antwortete er: „Du bist ja vollkommen darauf fixiert.“
Die Fixierung: Der digital lebende Mensch fixiert sich zunehmend auf digitale Geräte und Programme (Codes) – von der digital gesteuerten Espressomaschine bis zum World Wide Web. Wir tauchen ein in die Geräte und in die virtuelle Welt. Nicht wenige Menschen führen bereits konsequent ein zweites Leben im Netz. Fixiert auf ihrem Sessel wie gebannt vor dem Bildschirm sitzend konsumieren sie das Internet jetzt schon wie das Fernsehen.
Der Code: Die digitale Welt basiert auf dem binären Code. Dieser ist stets im Hintergrund die Basis für technische Standards und Software. Wollen wir diese Welt betreten oder einfach nur Maschinen bedienen, benötigen wir wiederum bestimmte Codes und Eingabeabläufe. Um in Interaktion mit dem Gerät zu treten, müssen wir unsere Passwörter oder PIN-Nummern kennen, wir müssen wissen, wie wir Programme öffnen, Dateien verwalten und mehr. Wir müssen uns auf eine bestimmte Art verhalten und bestimmte Dinge wissen, um den >>digitalen Sesam<< zu öffnen.
Wir sind auf das Verständnis der Codes der Maschinen angewiesen, um mit ihnen kommunizieren zu können. Unsere Fixierung wird quasi ver-code-t, also als neues Verhaltensmuster abgelegt, wir internalisieren die Codes, um die Kommunikation mit den Maschinen jederzeit aufnehmen zu können. Diese neuen Verhaltensmuster nenne ich „Fixierungscode“.
Fotos: Ibrahim Evsan - “Ich gehe für meine Ideen durch die Hölle”
Rhein-Onliner: Der Untertitel des Buches lautet “Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen”. Sie sehen offensichtlich Gefahren und Risiken für die Menschen; Geht es um das Überleben der Menschheit trotz des Internets oder mit Hilfe des Internets?
Ibrahim Evsan: Bei allen Gefahren, die beschrieben werden, darf man nicht vergessen, dass es auch großartige Chancen im Internet gibt, vor allem die absolute Kommunikationsfreiheit, die Möglichkeit, internationale Freunde bequem online zu treffen und weltweit Geschäfte zu machen, sowie die unglaubliche Menge an Wissen. Wir tippen eine Frage ein und in Sekundenbruchteilen erhalten wir die Antwort. Das wissen wir oft gar nicht zu schätzen, obwohl es erst seit zehn Jahren diese Möglichkeit der rasanten Information gibt. Wir haben uns schnell daran gewöhnt. Die Möglichkeiten sind wirklich fast unbegrenzt, man muss in Deutschland nur mehr Mut haben, Dinge mit zu entwickeln.
Natürlich gibt es auch Gefahren: Viele Menschen merken gar nicht mehr, wie oft und wie lange sie online sind und was sie alles im Netz machen. Dabei geht unendlich viel Zeit verloren, die dann anderweitig wie im Privatleben fehlt. Wir müssen uns mit der digitalen Welt auseinandersetzen, aber vielen fehlt die Erfahrung, um sich ein differenziertes Bild machen zu können. Das Internet ist in unserer Zeit ein mehr oder weniger großer Bestandteil unseres täglichen Lebens geworden, aber eben nur ein Bestandteil. Wie groß dieser sein kann oder darf, das muss jeder Nutzer für sich selbst entscheiden; dabei möchte ich mit dem Buch Hilfestellungen und Anregungen geben.
Rhein-Onliner: Sie weisen darauf hin, dass die Kommunikation immer weniger von Mensch zu Mensch stattfindet, sondern indirekt durch die Nutzung eines Geräts und des Internets. Können Sie uns hierfür bitte einige Beispiele nennen? Wie beurteilen Sie diese Veränderung?
Ibrahim Evsan: Sehen wir uns die Geschichte der technischen Kommunikation an: Das Radio ist nur in Hörweite, das Fernsehen ist schon in Sichtweite, aber unsere Smartphones sind bereits in unseren Gedanken, denn wir wissen immer, wo wir unser Handy haben, um schnell darauf zugreifen zu können. Die nächste Evolutionsstufe bei den Computern wird es sein, dass wir den Geräten noch näher kommen, weil die “trennende” Tastatur, unser bisheriges Kommunikationshilfsmittel mit dem Computer durch die direkte Berührung mit einem unserer Sinne beim Touchscreen ersetzt wird. Das iPad von Apple schlägt genau diesen Weg ein. Dabei stellt sich die Frage, ob wir den Maschinen näher kommen oder die Maschinen uns.
Die zwischenmenschliche Kommunikation hat sich ebenfalls verändert, wir sind durch das Internet sehr viel freier in unserer Kommunikation. Ich habe meine Freunde jetzt “näher bei mir”, zwar nur virtuell, aber ich kann die Kommunikation zu meinen Freunden sehr viel schneller aufnehmen, als ohne das Internet. Durch diese wesentlich schnellere Kommunikation, sei es via Twitter, foursquare oder andere Dienste, muss ich mir aber auch Strategien für mein Online-Verhalten zurechtlegen, damit ich von der Informationsflut nicht überrollt werde.
Twitter und Foursquare sind eine weitere Entwicklung, hier wird in Echtzeit kommuniziert und zudem kann ich bei diesen Services sogar meinen gegenwärtigen Standort angeben, um Freunde zu treffen. Geolokalisation wird ein zunehmender Trend im Internet.
Rhein-Onliner: Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’, warnt davor, dass die Menschen, wegen des Internets, die Kontrolle über ihr Denken verlieren könnten. Die Menschen seien im Informationszeitalter gezwungen Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollen. Teilen Sie seine Auffassung? Ist der Mensch zum Knecht der Maschinen und des Internets geworden?
Ibrahim Evsan: Die Online- und die Offline-Welt prallen in einem beinahe als Kulturcrash zu bezeichnenden Maße aufeinander. Das Internet ist nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken, aber viele Menschen versuchen es dennoch. Ich habe auf vielen Vorträgen die Erfahrung gemacht, dass es bei einigen Menschen - auch Entscheidern - kein genügend differenziertes Bild vom Internet und seinen Möglichkeiten, aber auch von den Gefahren gibt.
Wir müssen die Kommunikation mit den Maschinen aufnehmen, um an der digitalen Welt überhaupt teilhaben zu können. Wir müssen die Abhängigkeiten von der digitalen Welt erkennen und den Gefahren begegnen. Dabei ist es wichtig zu erkennen, dass es ein Leben ausschließlich in der digitalen Welt nicht geben kann, wir sind Menschen, keine Roboter. Die Fixierung kann aber sehr weit führen, denn zum Beispiel bei der Online-Spielsucht verschwimmen die Grenzen, manch ein Angehöriger eines Spielsüchtigen fragt sich „Wie viel Mensch ist noch in dem Spielsüchtigen?“
Es entwickeln sich gerade neue Umgangsformen mit dem Internet und damit mit den Maschinen - aber bei jedem Menschen individuell. Was wir brauchen, sind in erster Linie Informationsfilter, und wir müssen lernen, solche Filter richtig einzusetzen. Das ist für mich der
Begriff der digitalen Selbstbestimmung, denn den ersten Filter muss ich mir in meinem Denken schaffen: Was ist mir wichtig, was nicht - das ist das Entscheidende dabei. Es ist eine Erziehungssache, und wir sollten unseren Kindern beibringen, wie man Daten, Kontakte, Links und Favoriten sinnvoll filtert, verarbeitet und strukturiert. Wir sollten uns im Netz nicht anders verhalten, als im realen Leben. Daher ist es mir so wichtig, dass man seine digitale Selbstbestimmung nicht aufgibt, sondern jeden Tag neu definiert, welchen Diensten ich welche Informationen preisgebe.
Rhein-Onliner: In Ihrem Buch setzen Sie sich auch mit dem Unternehmen Google und seiner einzigartigen Erfolgsgeschichte auseinander. Sie schreiben, dass Sie “in Sachen Google ebenso hin- und hergerissen sind, wie viele andere auch.” Was meinen Sie damit? Was gibt es an Google zu kritisieren?
Ibrahim Evsan: Jeder, der die Dienste von Google in Anspruch nimmt, bemerkt sofort, wie perfekt diese Angebote funktionieren. Wie bei allen Angeboten im Internet gilt auch hier: Wir Nutzer sind es, die über den Erfolg und den Misserfolg eines neuen Angebots entscheiden. Google bietet seine Dienste gratis an und damit ist doch schon klar, dass das Unternehmen, dann eben mit den von den Nutzern gespeicherten Daten Geld verdienen muss. Keine Firma der Welt kann all seine Angebote gratis anbieten. Man kann Google nutzen, man muss es nicht, es gibt noch andere Suchmaschinen wie “bing.de” oder andere. Aber hier steht uns oftmals unsere eigene Bequemlichkeit im Wege: Wir “googlen” eben.
Googles Macht ist nicht zu unterschätzen. Wenn man bedenkt, was dieses Unternehmen alles über uns weiß… Ihr Kind hat Mumps? Schnell mal googlen, wie der Krankheitsverlauf ist und welche Medikamente da helfen könnten… Welche Frage wir auch immer haben, Google hat die Antwort. Das sollte uns zu denken geben.
Rhein-Onliner: Sehen Sie das Recht auf informationelle und digitale Selbstbestimmung des Menschen heute in Gefahr? Wie bewegt sich Ibrahim Evsan heute durch das Netz? Welche Maßnahmen ergreifen Sie persönlich, um in der digitalen Welt weiter selbstbestimmt agieren zu können?
Video: Sevenload-Gründer Ibrahim Evsan widmet sich einem neuen Projekt: Social Gaming. Hier spricht er mit Benedikt Köhler über den Einfluss von Social Games, v. 2010, Quelle isarrunde
Ibrahim Evsan: Noch vor 10 Jahren hätte kaum jemand gedacht, wie vielfältig wir das Internet heute nutzen werden. Wir nehmen so viele Services und Hilfen aus dem Internet als feste Bestandteile unseres Lebens hin, ohne die das Leben heute sicherlich ärmer wäre. Ich betrachte mich schon ein wenig als Pionier, der in die Weiten der digitalen Welt vorausgeht und die Nachfolgenden vor den Gefahren warnt, aber auch die Möglichkeiten aufzeigt, die sich bieten. Denn das, was mir zum Beispiel bei Twitter an Vor- und Nachteilen auffällt, möchte ich anderen gern mitteilen, damit sie nicht dieselben Fehler machen wie ich.
Es wird in Zukunft nicht nur stark vernetzte Unternehmer geben, die Zuwachszahlen im Bereich Social Media, z.B. bei Facebook zeigen deutlich, dass sehr viele Menschen sich vernetzen wollen. Wenn wir sehen wollen, wohin die digitale Reise geht, dann sollten wir uns die Weiterentwicklungen der digitalen Supermächte wie Google, Facebook, Amazon, Apple, Microsoft usw. ansehen. Eine Gefahr ist, dass wir unsere digitale Selbstbestimmung aufgeben. Das gilt insbesondere im Umgang mit den digitalen Supermächten wie Google, Apple, Microsoft, Facebook und so weiter. Wir müssen verstehen lernen, dass unsere Daten, ob persönliche Daten oder die Orte an denen wir uns gerade aufhalten, für die Geschäftsinteressen der digitalen Supermächte von großem Wert sind. Wir müssen lernen, zu entscheiden, welche Daten wir für welchen Service angeben wollen, um ihn nutzen zu können.
Rhein-Onliner: Herr Evsan, Sie haben drei Wünsche frei: Wie muss für Sie das Internet der Zukunft aussehen, damit wir alle angst- und sorgenfrei damit umgehen und leben können?
Ibrahim Evsan: 1. Wunsch: Politik und Gesellschaft müssen dafür sorgen, dass alle, die das Internet nutzen wollen, es auch beherrschen. Das zentrale Stichwort in Sachen Internet ist “Medienkompetenz” im Sinne eines Lebens in digitaler Selbstbestimmung. Es ist zu leicht und zu unglaubwürdig, das Internet zu verteufeln oder es in den Himmel zu heben. Wir müssen uns mit den Chancen und Gefahren auseinandersetzen.
2. Wunsch: Das Internet muss überall und jederzeit mit leistungsfähigen Anschlüssen - in den Städten UND auf dem Land verfügbar sein, damit es nicht dazu kommt, dass wir eine digitale Kluft zwischen den Onlinern und den Offlinern erzeugen.
3. Wunsch: Es muss klare und verständliche Datenschutzbestimmungen für jede Art Service geben, das Recht auf Privatsphäre muss es auch in der digitalen Welt geben. Zusammen mit den Bürgern, die ihre digitale Selbstbestimmung einfordern und den schnellen Internetzugängen erwarten uns großartige Chancen im Internet.
Rhein-Onliner: Nach Ihrem Riesenerfolg mit der Videoplattform sevenload haben Sie nun zusammen mit dem Unternehmer Thomas Bachem ein neues Startup gegründet; Unter der Marke “United Prototype” entwickeln Sie ein neues “Social Web Game”. Worum geht es dabei? Wie weit ist die Entwicklung und wann können wir mit einer ersten Beta-Version rechnen?
Ibrahim Evsan: Bei diesem neuen Browser-Game geht es darum, mit allein oder mit Freunden Spaß zu haben. Immer mehr Menschen suchen ein zweites Zuhause im Internet, auf die verschiedenste Art und Weise. Was liegt da näher, als ein Spiel zu konzipieren, das das dem Menschen ein zweites Zuhause bietet, mit Spaß, Freude und dem wirklichen Leben nachempfundenen Features. Die Beta-Version wird ab Mitte des Jahres fertig sein.
Das Interview führte Christian Preuß
“Der Fixierungs-Code. Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen” von Ibrahim Evsan, Hardcover, 166 Seiten, ISBN: 978-3-89883-255-7, € 16,95, Bestellung bei Amazon






















Das Buch ist eine gut geschriebene Einführung in die Welt des Mediums Internet und ist all denen zu empfehlen, die sich einen Überblick über die Möglichkeiten und Risiken der digitalen Welt informieren möchten. Aber auch Insider finden viele Hintergrundinformationen, die zum Nachdenken anregen. “Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen” ist der Untertitel zu Ibrahim Evsans Buch, doch das ist sicherlich übertrieben, denn sie werden auch überleben, wenn sie das Buch nicht gelesen haben.